Genau gegenüber der Alhambra steht die Mezquita Mayor, die neue Große Moschee von Granada. Sie wurde im vergangenen Sommer eröffnet. Am Tor bietet ein junger Mann gekräuterte Limonade an. Zypressen und Zitronen duften. Der Garten ist jedem zugänglich, die Moschee nur Muslimen. "Würden Sie mit uns über die Stimmung nach dem 11. März sprechen?", fragen wir einen Alten am Tor? "Sie meinen nach dem barbarischen Anschlag in Madrid?", erwidert der Alte ohne Umschweife und greift zum Telefon. Er wählt eine Nummer, dann reicht er das Telefon weiter. Ein Englisch sprechender Mann meldet sich: "Kommen Sie herunter zum islamischen Zentrum, die Stufen links von der Moschee, klopfen Sie an die Tür."

Er trägt einen kurz geschorenen Vollbart und ist modisch-westlich gekleidet. Er stellt sich als Yahya vor, ist offensichtlich befugt, für die Moschee zu sprechen. Der Mann ist, wie er offenbart, ein Konvertit, ein Engländer, der als Jugendlicher Muslim wurde. Zunächst ist er ungehalten. Es ist Freitag, der Tag des Gebets. Er hätte gern vorher ein Fax mit den Fragen bekommen: "Was glauben Sie, wie die Reporter über uns herfallen? Sie stürmen herein und fragen, ob Osama bin Laden die Moschee finanziert hat." Doch dann bittet er, Platz zu nehmen auf einer grünen Sitzgruppe unter großen Fotos von Mekka.

Yahya spricht nun ohne Ende, nur unterbrochen von Telefonaten und kurzen Blicken auf die Monitore der Computer im Nebenraum. "Es gibt gar keinen Clash der Kulturen", sagt er, "die europäische Kultur wurde von den Muslimen geschaffen." Wie konnten die Muslime Andalusien damals so schnell erobern, fragt er, um selber zu antworten: Sie kamen nicht mit dem Schwert, sie brachten ehrlichen Handel, Wissen, Gerechtigkeit. Wie ein Prediger duldet er keinen Widerspruch. Irgendwann lässt er einfließen, die Täter vom 11. März seien keine Muslime, auch wenn sie arabische Namen tragen. Er sagt: "They are not us" – das sind nicht wir. Aber so, wie er die Überlegenheit des Islams behauptet und die westlichen Gesellschaften als verkommen schildert, so argumentieren auch jene, die den Terror gutheißen.

Er sei früher schon einmal hier an dieser für die Muslime so symbolträchtigen Stätte tätig gewesen, so viel will Yahya verraten, 1987, also in seinem 17. Lebensjahr, dem Jahr, in dem er Muslim wurde. Und im vergangenen Jahr wurde er wieder hierher gerufen, lässt der heute 34-jährige Vater von drei Kindern wissen. Er sagt jedoch nicht, wer ihn rief, sagt nicht, weshalb. Yahya übergeht alle Nachfragen. Bei jedem Einwand holt er zum großen Bogen aus. Alle Kämpfe, alle Konflikte von heute, so belehrt er stattdessen, seien angezettelt worden, "um den Dollar zu stabilisieren". "Zins und die von den Banken erzeugte Gier zu kaufen, kaufen, kaufen" – das seien die Wurzeln allen Übels, das zerstöre die Familien.

Er ereifert sich leicht, wiederholt sich häufig: "Die Gesellschaft hier ist verkommen. Drogen, Alkohol, Teenager-Schwangerschaften, alles nimmt zu. Tag für Tag werden die Gesetze laxer. Alles ist erlaubt, in dieser dekadenten Gesellschaft. Die schlimmsten Verbrechen werden nicht geahndet."

Einmal gelingt es, den jungen Gelehrten für einen Augenblick zu unterbrechen, ihn zu fragen, ob der Anblick von knapp bekleideten jungen Frauen auch seine Augen beleidige. Da hat er eine tolerante Erwiderung parat: "Wir haben kein Recht, beleidigt zu sein, denn dies ist keine islamische Gesellschaft." Aber er lässt den Umkehrschluss zu: Seine Frau nämlich, erklärt er, verhülle sich, um nicht die Blicke der Männer auf sich zu ziehen. "Muslime", sagt er, "kümmern sich umeinander."

Warum, das will man am Ende von ihm wissen, haben die Muslime seinerzeit Al-Andalus wieder verloren? Seine knappe Antwort, bei der wieder einmal sein wissendes Lächeln die Lippen umspielt: "Sie scheiterten, weil sie dekadent waren."