Ein Stückchen Blech, ein Stückchen Draht, und fertig ist das Mifa-Rad." So lautete der eingängige Spottvers aus Zeiten, als die Mitteldeutschen Fahrradwerke noch ein volkseigener Betrieb der DDR waren. Ganz so simpel ist der Zweiradbau aber nicht, schon gar nicht bei der heutigen Mifa-Produktion. In der grauen Montagehalle am Rande von Sangerhausen in Sachsen-Anhalt wird eifrig montiert. Zwischen mit Sätteln gefüllten Pappschachteln und auf Stangen aufgefädelten Rahmen werden Speichen geflochten, Gestelle lackiert und Schutzbleche angeschraubt. Die Teile kommen aus allen Ecken der Welt. "Global einkaufen, vor Ort verarbeiten", heißt die Mifa-Devise heute. In der Halle riecht es nach Gummi. Eine Anzeigetafel zeigt den Werkern an, wie viele Räder sie heute schon geschafft haben.

Der rührige Produzent mit dem Flair einer straff organisierten Fahrradwerkstatt will sich am 17. Mai aufs Börsenparkett wagen. Seit rund eineinhalb Jahren hat dies kein Unternehmen in Deutschland versucht. Der kleine ostdeutsche Fahrradbauer hat große Pläne: 1,5 Millionen Aktien, 25 Prozent des Unternehmens, sollen zum Festpreis von 9,25 Euro an den Anleger gebracht werden. Der Börsengang hat ein Volumen von knapp 14 Millionen Euro. Vor ein paar Jahren hätte das niemanden aus dem Sattel gehoben. Doch jetzt wird die Zweiradschmiede aufmerksam beobachtet. Nach dem emissionslosen Börsenjahr 2003 und den Rohrkrepierern X-Fab und Siltronic, die ihre Ambitionen kurzfristig wieder fallen ließen, ist auch der kleinste Börsengang zum Stimmungsbarometer geworden.

Klein, aber fein – so stellt der Mifa-Vorstand Peter Wicht den von ihm hochgepäppelten Börsenkandidaten dar. Gemeinsam mit seinem Partner Michael Lehmann übernahm er 1996 die Auffanggesellschaft des ehemaligen VEB, nachdem Westinvestoren den Betrieb heruntergewirtschaftet hatten. Damals baute die Mifa gerade mal 35000 Fahrräder – heute sind es 535000; die Mifa-Leute halten sich für den am schnellsten wachsende Fahrradbauer Deutschlands. Mit einem Umsatz von 63,3 Millionen Euro, einem von 2002 auf 2003 um 80 Prozent auf 5,6 Millionen Euro gestiegenen Gewinn vor Zinsen und Steuern und einer Ebit-Marge von 8,8 Prozent wirbt die Mifa um die Gunst der Anleger.

Kritik im Ort: Mifa zahlt Löhne unter Tarif

Ausgerechnet Sangerhausen. An wirtschaftlichen Erfolg gemahnt hier im Harz nahe der ehemaligen Zonengrenze wenig. 24000 Einwohner hat die Stadt noch, 10000 sind seit der Wende abgewandert. Die erdbraune Abraumhalde, die Sangerhausen überragt, erinnert an bessere Zeiten. Die ehemalige Industriestadt kann auf 800 Jahre Kupferbergbau und Metallverarbeitung zurückblicken. Nach der Wende wurden die Schächte stillgelegt. Bei einer Arbeitslosenquote von rund 24 Prozent ist die Mifa mit mehr als 400 Beschäftigten der größte Arbeitgeber.

Auf den Börsenaspiranten aus den eigenen Reihen sind die Sangerhausener freilich nicht nur stolz. In der Bahnhofskneipe erzählen die arbeitslosen Gäste, die schon am Morgen auf einen Schluck hereinschauen, von angeblicher Unterbezahlung und Unterdrückung. Laut beklagen würde sich allerdings keiner. "Die haben doch alle Angst", heißt es. Bürgermeister Fritz-Dieter Kupfernagel sieht das differenzierter. "Herr Wicht hat unter Tarif bezahlt", sagt er. Aber er habe dem Stadtoberhaupt auch zugesichert, dass die Mitarbeiter, die mitziehen, am Erfolg teilhaben würden.

Ob dieses Versprechen über den Erhalt der Arbeitsplätze hinausgeht, bleibt indes unklar. Einen Betriebsrat gibt es jedenfalls nicht. Kupfernagel baut darauf, dass der Gang an den Kapitalmarkt der Stadt nutze: "Wenn die Mifa an der Börse Erfolg hat, wird auch mal positiv über Sangerhausen berichtet."

Schließlich hat das Unternehmen Tradition. Gegründet wurde die Mifa 1907, schnell war die Marke überregional bekannt. 1925 wurde der Italiener Alfredo Binda auf einem Mifa-Rad Weltmeister. Zu DDR-Zeiten ließ allerdings die Qualität nach, deshalb wusste der Volksmund: Wer Mifa fährt, fährt nie verkehrt, weil Mifa überhaupt nicht fährt. Deshalb betont Wicht die Tradition auch nicht zu sehr, obwohl 16 Millionen Ostdeutsche die Marke kennen. "Ich bin Betriebswirtschaftler, ich denke pragmatisch", sagt Wicht.