Von Luigi Nono gibt es eindrucksvolle Porträtfotografien aus seinen letzten Lebensjahren: Charismatisch präsent im Hier und Jetzt und innerlich doch abwesend, blickt er, die venezianische Künstlerstirn melancholisch in Falten gelegt, an der Gegenwart vorbei in die Ferne. So modelliert man Klassikerbüsten. In einer kleinen Ausstellung im Foyer der Kölner Philharmonie hängen die Schwarzweißbilder zwischen Aufführungsdokumenten, Briefzitaten und biografischen Stichworten. Auf Schautafeln kompakt gebündelt sind die Lebensstationen des Komponisten, unter Glas ruhen die Erinnerungsstücke wie Mozart-Locken. Nono in der Glasvitrine – das will nicht zusammenpassen, ein eklatanter Widerspruch tut sich auf, dem kein Ausstellungsmacher je entkommen kann. Denn Nono hat sich leidenschaftlich gegen jede Form von geschichtlichen Festschreibungen gesträubt. Als ewigen Wanderer sah er sich nicht nur in seiner letzten Lebensphase. Ein rastlos Suchender, von dem der Satz stammt, er versuche "etwas zu finden, nur keine Gewissheit". Sogar in seinen Partituren hat er letztgültige Fixierungen gemieden. Seine Werke hinterlassen offene Fragen, die waren für ihn die einzig produktiven. Und in der Ausstellung offenbaren nur seine verrätselten Skizzenblätter etwas von dieser Ungreifbarkeit – in labyrinthisch mäandernden buntfarbigen Linien imaginierte er die Wanderung von Klängen im Raum.

Am 8. Mai vor 14 Jahren ist Luigi Nono gestorben, in diesem Jahr wäre er 80 geworden. Als marmorner Klassiker der Moderne ist er noch lange nicht auf dem Ewigkeitssockel verschraubt. Obwohl sich die Nono-Aufführungen um den Gedenktermin häufen und die Kölner Philharmonie ihm jetzt im Rahmen des Musiktriennale-Festivals eine wahrhaft imposante Werkretrospektive gewidmet hat mit Großwerken wie Il Canto sospeso und Prometeo bis hin zu wenig bekannten Stücken. Ein abgeklärt historischer Blick, so scheint es, lässt sich nach wie vor nicht auf das Œuvre werfen. Die Musik selbst steht dem entgegen. Man kann in Nono-Konzerte mit dem Gefühl gehen, eigentlich genau zu wissen, was einen erwartet – und verlässt sie am Ende doch aufgewühlt, getroffen, verstört, wie aus der Bahn geworfen von der flackernden Ausdruckskraft seiner Klangsprache

Ambivalent und changierend zwischen brennender Nähe und elitärer Ferne war die Rezeption seiner Werke und seiner Person schon immer – von der Platzhirschrolle, die er in der Nachkriegsavantgarde einnahm, über das linkspolitische Engagement in den sechziger und siebziger Jahren mit den dazugehörigen Skandalen bis hin zur Kultfigur einer radikalen Innerlichkeit, zu der man ihn in den achtziger Jahren (fälschlicherweise) stilisierte. Die Widersprüchlichkeiten am Rande der Kölner Caminantes- Aufführung passen da ins Bild: Draußen leuchten die "Ausverkauft"-Schriftzüge über den Kassen, und die Nono-Gemeinde tritt sich schier auf die Füße, drinnen aber bleiben reichlich Stühle leer, weil das Konzert zur Aboreihe des WDR-Sinfonieorchesters gehört und so mancher konservative Konzertgänger erst gar nicht erschienen war.

Der Abend hätte freilich ein ausverkauftes Haus verdient gehabt: Mit bohrender Intensität haben sich Orchester, Solisten, André Richards SWR-Experimentalstudio und der WDR-Chor unter Leitung von Emilio Pomàrico in die "geheimere Welt" der späten Großkantate Caminantes-Ayacucho vertieft, in denen die mikrotonalen Streicherklangbänder wie Nebel aus Andrej Tarkowskijs Kino im Raum stehen, in denen Bassflötenwinde im Nirgendwo zerstäuben, die Blechbläser aus dem äußersten Pianissimo gewalttätig emporgrollen und überirdischer Altgesang schwebend vorüberzieht – alles in Diensten von Nonos Idee einer gesteigerten, die Sinne herausfordernden Wahrnehmungskraft, einer Hingabe an das Humane schlechthin mit ganz weit geöffneten Ohren.

Zwei Tage später kriechen auf der Opernbühne in Hannover die unterdrückten Völker der Welt knarrend aus ihren Holzsärgen und rufen zur Revolution. Eine leichenweiß geschminkte Fee hat Karl Marx vorgelesen, und schon stehen die Massen auf, angeführt von linken Freiheitskämpferinnen: Louise Michel, die in der ersten Reihe stand beim Barrikadenkampf der Pariser Commune, Tanja Bunke, die FDJ-Aktivistin, die an der Seite Che Guevaras in Lateinamerika kämpfte, Haydée Santamaria, die in Kuba an Fidel Castros Sturm auf die Moncada-Kaserne teilnahm. Sie revoltieren gegen die Unterdrückungsmaschinerie der Herrschenden – und werden am Ende von ihr zerquetscht. Wie in einer gigantischen Menschenpresse fahren die hohen Bühnenwände aufeinander zu, bevor sich der eiserne Vorhang senkt.

Luigi Nonos "szenische Aktion" Al gran sole carico d’amore ( Unter der großen Sonne von Liebe beladen ), mit der er 1975 noch einmal die Summe seines bisherigen musiktheatralischen Schaffens zog, ist durchglüht von Freiheitspathos, propagiert unter Aufbietung avanciertester kompositorischer Mittel den Einspruch des Einzelnen gegen die Mechanismen der Repression. Aber sie verhandelt die Niederlagen und nicht die Siege linksrevolutionären Aufbruchs. Sie ist mehr Requiem als optimistische Klassenkampfoper, freilich nicht ohne Funken der Hoffnung.

Der Dirigent Johannes Harneit und der Regisseur Peter Konwitschny haben in Hannover nach klaren starken Bildern gesucht für Nonos komplexes Bewusstseinstheater, in dem Textfragmente, Orchesterreflexionen, riesige Chorpartien und der gleisnerischer Soprangesang jenseits von Handlung ineinander verschränkt sind. Sie suchen – Nono vereinfachend, ohne ihn zu simplifizieren – nach Geschichten in der Nichtgeschichte. Sie erzählen vom Erwachsenwerden junger Mädchen, die sich mit dem Teddybär im Arm für die Revolution begeistern, führen die Machtdemonstrationen der Herrschenden als burleskes Kaspertheater vor und finden für die Frauenfiguren immer wieder einnehmende Gesten zärtlicher Solidarität. Harneits großartige musikalische Einstudierung zielt gleichermaßen auf die Wucht der Chor-Protestattacken und die Italianità-Schönheit, die dem Stück auch innewohnt. Konwitschny geht leise ironisierend auf Distanz zum roten Elan der siebziger Jahre, wenn die gute Marx-Fee zum Volk spricht oder Lenin höchstselbst mit der Mütze in der geballten Faust die Chöre rudernd dirigiert und vor lauter Leidenschaft die Kontrolle über die Massen zu verlieren droht. Und doch hat er Nonos politische Botschaft fest im Blick. "Selbstständig denken!", schreibt Tanja auf ein Che-Plakat, reißt es in kleine rote Fetzen und verteilt diese wie Hostien im Volk.

Ganz am Ende, nachdem der eiserne Vorhang über der infernalischen Menschenzerquetschung niedergeht, steht noch eine Tür zur Bühne offen. Durch sie hört man die letzten Takte der Musik. Eigentlich ein wunderbares Bild für Nonos Kunstwirken 14 Jahre nach seinem Tod. Aber dann klappt sie plötzlich geräuschvoll ins Schloss. Da irrt die Regie. Die Al gran sole- Produktion in Hannover steht selbst dafür ein, dass die Tür zu Nono noch offen ist.