Nur einem Blinden oder einem Analphabeten hätte entgehen können, was in Ruanda geschah", so schrieb der Generalmajor und Kommandeur der Blauhelmtruppe in Ruanda, Romeo Dallaire, später. Er war der glaubwürdigste Zeuge des schnellsten Völkermordes der Zeitgeschichte. Sechs Jahre danach wurde eine Volkszählung durchgeführt, bei der die genaue Zahl von 951.018 Opfern ermittelt wurde. In der Regel wurden die Menschen mit der Machete zerhackt, weil Kugeln zu wertvoll für sie waren.

Die westliche Welt erlebte zwischen April und Juli 1994 ihre schwärzeste Stunde nach 1945. Sie will das bis heute nicht wahrhaben. Wenn man so einfach das Völkermordverbot der UN-Konvention umschiffen kann, was ist es dann wert? Was ist dann unser Gerede über die universalen Menschenrechte wert, was das Pathos unserer Verfassung, nach der die Würde des Menschen unantastbar sei? Im Zweifel kümmern wir uns exklusiv um unsere eigenen Landsleute. Als nach dem Abschuss des Flugzeugs des Präsidenten des Landes, Habyarimana, am 6.April die Todesschwadronen loszogen, da haben wir uns allein um die Frage gekümmert, wie wir unsere wenigen EU-Bürger aus Ruanda herausholen.

Es gab, das macht das luzide geschriebene Buch der Journalistin und Beraterin des Strafgerichtshof in Arusha, Linda Melvern, deutlich, nur einen, der die Ehre des Westens nicht mehr retten konnte, aber sie wenigstens hochhielt: den kanadischen Generalmajor Romeo Dallaire. Dieser Mann lebt mittlerweile gebrochen und von zwei Selbstmordattacken geschwächt in Ottawa. Man könnte ihm helfen, würde man seine Leistung anerkennen. Er hat den UN widerstanden, die am 22. April auf Anweisung der USA, Belgiens, Frankreichs, Butros-Ghalis und Kofi Annans alle Blauhelme abziehen wollten. Das wollte Dallaire nicht zugestehen.

Auch die katholische Kirche versagte. Die Bischöfe legitimierten die Völkermordregierung am 11. April 1994, nur fünf Tage nach dem organisierten Beginn des Massenabschlachtens der Tutsi. Zu Recht stellt Linda Melvern fest: Jahrelang hatte die Kirche in Ruanda eine rassistische Gesellschaft toleriert. Nach der Volkszählung waren 90 Prozent der Ruander Christen, 62 Prozent davon Katholiken. Der katholische Erzbischof Vincent Nsengiyumva war jahrelang Mitglied im ZK der MRND, der Partei, die jetzt die Tutsi umbrachte.

Sollte das Nobelpreiskomitee nicht wissen, wem es in diesem Jahr den Friedenspreis geben soll, nach diesem Buch wüsste ich zwei gute Kandidaten: den Kommandeur der Blauhelme, Dallaire, der gegen den Befehl der UN in New York in Ruanda mit 250 Ghanaern blieb, und seinen Co-Kommandeur, den General aus Ghana, Henry Anyidoho, der Afrika repräsentiert. Afrika leistete mit Anstrengungen aus Nigeria, Tunesien und Ghana fraglos mehr als die westlichen Länder.

Man kann die Fülle des schwer Erträglichen kaum beschreiben. Linda Melvern geht ausführlich auch auf die Hetze des Radiosenders RTLM (Radio-Television Mille Collines) ein, der täglich 24 Stunden lang ununterbrochen zum Morden aufrief. Die Tutsi wurden die inyenzi genannt, das heißt: die Kakerlaken. "Man erkennt sie leicht. Man kann sie an der Körpergröße und der kleinen Nase erkennen. Wenn Sie diese kleine Nase sehen, brechen Sie sie!"

Immer wieder bezieht sich dieses erschütternde Buch auf die Erinnerungen des Generals Dallaire, die 2003 in Ottawa erschienen sind. Der Verlag 2001 hat die Rechte gekauft und wird es in diesem Herbst auf Deutsch herausbringen.