die zeit: Herr Präsident, amerikanische und auch britische Soldaten werden beschuldigt, irakische Gefangene systematisch gefoltert zu haben. Ist selbst für Demokratien die Würde des Menschen antastbar geworden?

Hans-Jürgen Papier: Die Bilder von Folterungen im Irak sind schrecklich. Unter dem Grundgesetz gilt klipp und klar: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Dies ist ein verfassungsrechtliches Gebot und bedeutet zweierlei: Der deutsche Staat ist verpflichtet, jede Verletzung der Menschenwürde zu unterlassen. Darüber hinaus muss er auch jede Verletzung der Menschenwürde durch Dritte unterbinden.

zeit: Sind Sie sicher, dass dieses strenge Gebot noch akzeptiert wird? Nachdem der ehemalige Vizepräsident der Frankfurter Polizei dem Entführer und Mörder eines Bankierssohnes Folter angedroht hatte, erhielt er viel Zuspruch – sogar von Richtern.

Papier: Das Grundgesetz ist eindeutig, im Gegensatz zu vielen anderen Grundrechten unterliegt die Menschenwürde keinem Gesetzesvorbehalt. Sie ist nicht abwägungsfähig und kann deshalb nicht wie etwa die persönliche Freiheit, die Berufsfreiheit oder die Eigentumsgarantie gegenüber anderen Belangen des Gemeinwohls zurücktreten. Die Menschenwürde gilt absolut. Dies entspricht auch der Rechtsprechung unseres Hauses.

zeit: Trotzdem scheint diese Gewissheit zu bröckeln. Der wichtigste Grundgesetzkommentar, der Maunz-Dürig-Herzog, sagt in seiner neuesten Interpretation: Wenn es etwa um die Lebensrettung von Entführungsopfern gehe, verletze die Androhung oder Zufügung von Schmerzen nicht unbedingt den Würdeanspruch des Täters. Danach ist die Menschenwürde also doch abwägbar. Diese Kommentierung wird den Richtern an die Hand gegeben, und Sie sind Mitherausgeber des Gesamtwerkes. Läuft Ihnen da kein kalter Schauer den Rücken herunter?

Papier: Ich bitte zu beachten, dass die Äußerung eines wissenschaftlichen Autors noch nicht die Rechtslage verändert. Und die verbindliche Auslegung des Grundgesetzartikels 1, also der Menschenwürde, unterliegt nun einmal nach unserer Rechtsordnung allein dem Bundesverfassungsgericht. Für das Gericht und für mich persönlich gibt es nicht den Hauch eines Zweifels, dass der Schutz der Menschenwürde unverbrüchlich ist. Noch einmal – das heißt: Die Menschenwürde ist einer Relativierung, einer Einschränkung oder Abwägung mit anderen öffentlichen oder privaten Belangen nicht zugänglich.

zeit: Was würden Sie jemandem antworten, der fragt: "Darf ich einem Verbrecher selbst dann nicht Schmerz zufügen, wenn ich damit das Leben vieler Menschen retten könnte?"