Die deutsche Politik hat ein neues Mantra. Der Kanzler hat es anlässlich der Osterweiterung erklingen lassen: "Wir müssen deutlich machen, dass die Chancen gegenüber den Risiken überwiegen." Franz Müntefering erträumt eine "Allianz für Innovationen, in der mehr Mut zum Risiko besteht". Und NRW-Wirtschaftminister Harald Schartau stellt sich generell "ein anderes Verhältnis von Chance und Risiko" vor: "Bei uns hat das Risiko in vorderster Reihe Platz genommen und die Chancen auf den hinteren Rängen. Dieses Verhältnis müssen wir umkehren."

Nicht nur Sozialdemokraten mit ihrer Innovationskampagne reden solchem Wertewandel das Wort. Auch die Oppositionschefin Angela Merkel fordert eine "grundsätzliche Akzeptanz von Risiken", ihr Präsidentenkandidat Köhler will "Eigenverantwortung und auch Risikobereitschaft der Deutschen stärken". Und der Grüne Fritz Kuhn wünscht sich, mit Blick auf die Wirtschaftsverbände, "wieder so eine Art Aufbruchstimmung". Außenpolitik, Sozialreformen oder Fragen der Forschung, die Diagnose lautet immer gleich. "Wir neigen dazu", sagt der BDI-Präsident Michael Rogowski, "die Risiken zu überschätzen und die Chancen, die neue Entwicklungen und Innovationen bieten, zu unterschätzen."

Eine erstaunliche Wende. Wer in den letzten Jahrzehnten "Risiko" sagte, wollte warnen und zur Beschränkung aufrufen. Nun geht es um das Gegenteil: Die Bereitschaft zum Risiko wird zur Bürgerpflicht erhoben. Wie vorher die Warner, sprechen heute die Propagandisten des neuen Wagemuts die Sprache der moralischen Erziehung. Das Wort "Risiko" ist ein zentraler Begriff der gesellschaftlichen Selbstverständigung hierzulande. Der Risiko-Begriff markiert eine Schnittstelle zwischen Technik, Politik und Gesellschaft. An seinem veränderten Gebrauch lässt sich der Beginn eines Mentalitätswandels ablesen.

Während der siebziger und achtziger Jahre wurde in den westlichen Ländern über Ressourcenknappheit, Großunfälle und Umweltschäden gestritten. In Deutschland erwuchs aus der erregten Debatte eine Theorie, die das Gefahrenpotenzial der modernen Gesellschaft als ihr definierendes Moment zu begreifen suchte. Als im Jahr 1986 die Welt auf Tschernobyl und die Challenger- Katastrophe starrte, brachte der Soziologe Ulrich Beck das Gefühl allgemeiner Bedrohung durch technischen Fortschritt auf den Begriff: "Risikogesellschaft". Beck beschrieb Risiken als "Ausdruck hochentwickelter Produktivkräfte". Den Ursprung der Gefahren ortete er nicht mehr im Äußeren, im Nichtmenschlichen, "sondern in der historisch gewonnenen Fähigkeit der Menschen" zur Veränderung und Vernichtung der Reproduktionsbedingungen allen Lebens auf der Erde. Das hieß aber: "Die Quelle der Gefahren ist nicht Ignoranz, sondern Wissen, nicht fehlende, sondern perfektionierte Naturbeherrschung."

Eine finstere Sicht auf die Technik

Für Beck hatte die entfesselte Technik in der Risikogesellschaft "die Zerstörungskraft des Krieges absorbiert, generalisiert und normalisiert". Eine finstere Sicht: Die Technik führte einen steten Krieg gegen Gesellschaft und Natur. Heute, da wirklicher Krieg Alltag geworden ist, erscheint diese Bildsprache fast frivol. Doch angesichts der vielen Toten in Tschernobyl fand man sie nicht übertrieben.

In der Beckschen Risikogesellschaft hatten Wissenschaft und Technik den letzten Rest Unschuld eingebüßt. Beck konstatierte das "Versagen der wissenschaftlich-technischen Rationalität". Seine Anklage kam in Form eines Doublebind. Wer den technischen Fortschritt propagierte, sollte fortan die Beweislast der Unschädlichkeit tragen. Das Problem war: Wie sollte der Beweis möglich sein, wenn die wissenschaftlichen Verfahren samt ihres "Wahrheitsmonopols" selbst den Schaden verursacht hatten?

Wer der Wissenschaft misstraute, durfte sich in der Risikogesellschaft a priori im Recht fühlen – Beck gab der politischen Angstkultur der Alternativbewegung die sozialwissenschaftlichen Weihen. Mit Blick auf aktuelle Bedrohungen reaktivierte er in der Sprache der Soziologie auch ein Element des Antirationalismus aus der deutschen Ideengeschichte. Wo das Wissen selbst gefährlich geworden war, musste Furcht zur Tugend werden. Hatte schon Heidegger behauptet, dass "In-der-Welt-Sein wesenhaft Sorge ist" (Sein und Zeit), entdeckte sein Schüler Günther Anders, Vordenker der Anti-Atom-Bewegung, dann im Schatten der Bombe die Angst als Organ der Wahrheit: "Wir haben unsere Angst zu erweitern", schrieb er 1957 in seinen Thesen zum Atomzeitalter, "habe keine Angst vor der Angst, habe Mut zur Angst. Auch den Mut, Angst zu machen. Ängstige deinen Nachbarn wie dich selbst."