Als die SchmidtBank stirbt, darf das Wort "Sterben" nicht fallen. Im Foyer des Bankhauses sind Gläser mit Sekt gefüllt, und Fotografen warten auf Hände, die gereicht werden als Zeichen des Einverständnisses. Die jüngste Geschäftsmitteilung geht herum. 25. Februar 2004 – "Commerzbank übernimmt Filialgeschäft der SchmidtBank". "Optimale Lösung". An die Fensterscheiben im Dach klopft leise der Nieselregen. Gut 700 Arbeitsplätze bleiben, es waren mal 2300. Die halbe Nacht, sagt die Telefondame am Empfang, habe sie darüber nachgedacht, ob sie sich jetzt mit "Commerzbank" melden müsse.

Dass in der nordbayerischen Stadt Hof der letzte Akt eines deutschen Dramas beginnt, wird erst klar, als draußen ein silbergrauer Audi vor einer roten Ampel bremst. Hinter dem Lenkrad sitzt ein älterer Herr mit einem grauen Haarkranz. Zum erleuchteten Bankhaus schaut er nicht. "Ich muss versuchen, Abstand zu halten", sagt er. Es war mal seine Bank. Karl Gerhard Schmidt, vor 68 Jahren geboren in Hof, 39 Jahre lang Privatbankier, kommt nicht mehr unbehelligt am Pförtner einer Firma vorbei, die sein Ururgroßvater 1828 in einem Dorf im Fichtelgebirge gründete. Der Wachdienst am Empfang der Bankzentrale hat Weisung, den ehemaligen Inhaber wie einen Fremden zu behandeln, seitdem die Katastrophe vor zweieinhalb Jahren hereinbrach und Schmidt seine Privatbank für einen symbolischen Euro an eine Auffanggesellschaft der Großbanken abgab. Abgeben musste. Das einst florierende Bankhaus stand am Rand des Bankrotts. Es folgte die teuerste Notoperation in der Geschichte der deutschen Banken, teurer noch als die legendäre Pleite der Herstatt-Bank 1974. Anderthalb Milliarden Euro teuer. Tausende Jobs in umliegenden Firmen hängen an dieser Bank. Einer Region droht der Zusammenbruch.

In demütiger Haltung tritt Karl Gerhard Schmidt auf die Terrasse seines Elternhauses, das man in Hof die "Villa Schmidt" nennt. In dem wuchtigen, grün gestrichenen Haus wohnt seine 95-jährige Mutter, bei ihr hat er noch immer ein Zimmer. Karl Gerhard Schmidt atmet tief ein und aus, so, als müsse er verschnaufen nach einer langen Flucht. Es ist ein Tag im März 2004, ein paar Straßenkreuzungen entfernt sind die Vorbereitungen für die Beisetzung der SchmidtBank im Gange. In diesem Garten hier spielte er als Junge. In diesem Wohnzimmer saß einmal Ludwig Erhard, ein Freund des Vaters.

"Wohl gesonnen sind mir viele Menschen", sagt Karl Gerhard Schmidt. Doktor Schmidt nennt man ihn ehrfürchtig in Hof, auch heute noch. Briefe holt er aus seiner Aktentasche, Bekenntnisse. "Sicherlich vermag ich nur zu erahnen, wie Ihnen zumute ist", schreibt ihm der frühere Chef einer Schokoladenfabrik. Als "Kämpfer für die Region" lobt ihn ein ehemaliger Geschäftsführer der Lokalzeitung Frankenpost. "Die Menschen", sagt Schmidt mit brüchiger Stimme, "spüren jetzt die Kälte. Sie vermissen die Wärme." Dass er selbst die Sonne spielte, sagt er nicht. Kraftlos ging die Sonne unter.

Anfang der achtziger Jahre macht die SchmidtBank noch so glänzende Geschäfte, dass man verzweifelt nach Abschreibungsobjekten sucht, in die man das viele Geld stecken könnte. Die fränkische Privatbank gleicht einer Sparkasse, es ist kein Institut nur für vermögende Leute. 140 Filialen entstehen nach und nach, viele kleine und mittelständische Unternehmen versorgt der Bankier mit Krediten. Die SchmidtBank betätigt sich als Gesellschaft für Entwicklungshilfe in einer deutschen Kummerecke, wo sogar das Wetter schlechter gelaunt ist als im übrigen Bayern. Bitterkalt im Winter, kühl im Sommer. "Bayerisch Sibirien", lästern manche. Nichts Namhaftes gibt es hier, außer einer angeschlagenen Textilindustrie, siechen Porzellanfabriken und den Bayreuther Festspielen. Allen drei hilft, natürlich, die SchmidtBank. Das Geldhaus, heißt es 1978 in einem Brief an Karl Gerhard Schmidt, sei für die Festspiele "ebenso bedeutsam geworden wie vergleichsweise ihr Förderer König LudwigII.", und in "dankbarer Verbundenheit" grüßt Wolfgang Wagner, Chef der Festspiele. In Hof steigt die Arbeitslosenquote während der Achtziger noch langsam, im Jahr 2004 wird sie die höchste in Bayern sein, vierzehn Prozent. Auch daran wird die Bank ihren Anteil haben.

Karl Gerhard Schmidt will sich nicht abfinden mit der Aussicht auf eine Steppe am Rande der Industriegesellschaft. Einen Plan heckt er zu Beginn der achtziger Jahre aus, findet gleich gesinnte Unternehmer und nennt seinen Gesprächskreis fortan "Kalifornien-Runde". Den wirtschaftlichen Aufbruch einer vergessenen Provinz will Schmidt erzwingen, Unternehmergeist anstacheln. Hof und Kalifornien, meint er, "liegen beide am Ende der freien Welt". Kalifornien habe Hof vorgemacht, wie man es anstellen müsse. Karl Gerhard Schmidt will beweisen, dass Hof in Kalifornien liegt.