Siebeck Vaters schweres Erbe
Er war nie da. Und er hatte keinen Weinkeller. Trotzdem hat er mich geprägt
Mein erster Schultag in der Sexta der Bismarck-Oberschule war mit der Feststellung unserer Personalien ausgefüllt. Studienrat Nicklas begann alphabetisch mit dem Schüler Abrosch, was mir Zeit genug gab, den Typen, der neben mir saß und dort ein Jahr lang sitzen sollte, widerlich zu finden. Er trug eine dicke Brille und glotzte verängstigt in die Runde. Sein Name begann mit einem O, sodass er vor mir drankam, was ihn mir noch unsympathischer machte.
Als ich endlich meine Familienverhältnisse vor dem Klassenlehrer ausbreiten durfte, langweilte sich der größte Teil der Klasse bereits heftig.
Herr Nicklas unterrichtete uns später in Sport, wenn auch nicht besonders lange. Denn ein halbes Jahr später war er tot.
Er starb den Heldentod für Volk und Vaterland, wie das damals bei der Trauerfeier in der Aula genannt wurde, wenn einer im Waffenrock des Führers für dessen Wahnideen hingemetzelt wurde.
Als dann im Laufe des beginnenden Krieges immer mehr Lehrer und Abiturienten die Heldentod-Statistik füllten, wurde auf weitere Feiern verzichtet.
Herr Nicklas fragte mich also nach Namen, Vornamen und dann nach dem Beruf meines Vaters.
»Gaustellenleiter«, sagte ich selbstbewusst.
Von den vielen Schülern, deren Daten vor mir aufgenommen worden waren, hatte keiner einen Vater mit einem so bedeutenden Beruf.
- Datum 13.05.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 13.05.2004 Nr.21
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