In einem früheren Leben war Ron Sexsmith ein Botenjunge aus Toronto, gesegnet mit der leicht schwammigen Physiognomie eines Computer-Nerds. Er hatte eine gescheiterte Ehe hinter sich und war auch sonst schlechter Dinge nach einem Jahrzehnt voller großartiger Alben und dem totalem Desinteresse des großen Publikums daran, das sich auch durch Lobeshymnen von Elvis Costello über Elton John bis hin zu Paul McCartney nicht bekehren ließ.

Inzwischen scheint Sexsmith seinen Platz am Rand wenigstens nicht mehr ganz so schwer zu nehmen - und macht einfach weiter mit dem, was er kann: mit Liedern, die der womöglich doch zeitlosen Idee der Romantiker folgen, das Elend sei aus der Welt zu schaffen, indem man die eigene überbordende Gefühlswelt nach außen stülpt. Sexsmith fängt das kleine Glück nicht nur im Song Happiness ein. Sein sechstes Album Retriever (V2) ist vom ersten bis zum letzten Titel voller kunstvoll gesetzter Verse wie aus dem Gedichtband, wohlarrangierter Harmonien aus dem Schatzkästlein des Folk und endlos schöner Melodien für die Ewigkeit.

Immer allerdings wohnt der Schönheit bereits ihre eigene Vergänglichkeit inne. Nur einen Song weit ist der Weg vom Ich-Erzähler aus Hard Bargain, der auf die Liebe als feste Burg bauen kann, zu den Einsamen, die sich ihre Imaginary Friends erträumen müssen. Man ist, singt Sexsmith in Not About To Lose, immer alt genug, um an der Liebe zu zweifeln, und immer jung genug, sich trotzdem wieder in sie zu stürzen. Die zart keimende Fröhlichkeit, die er dabei entwickelt, hat stets auch ihre traurige Seite, steht der Träumer irgendwann doch auch auf dem nackten Boden der Realität.

Was bleibt einem armen Jungen da, außer eine Ballade zu singen? Tapfer erzählt Sexsmith immer wieder von dem Gefühl, das sich einstellt, wenn die Zukunft sich in den Augen der Geliebten spiegelt. Die Hoffnung, reimt Sexsmith, sprudelt ewiglich und 24 Stunden täglich. Das hat etwas von Durchhaltelyrik, aber wenn er mit leicht brüchiger Stimme scheinbar schwerelos über alle Mühsal hinweggleitet, kann man sich nicht nur vorstellen, wie der in Dandelion Wine besungene Löwenzahnwein schmeckt, man ist sogar gewillt, sich mit dem eigenen Schicksal zu versöhnen, das es ja in aller Regel und vor allem im Singer/Songwriter-Universum grausam mit einem meint. So wird Retriever die Welt vielleicht nicht verbessern. Aber Ron Sexsmith gönnt denen, die weiter auf ihr wandeln müssen, ein paar seelische Verschnaufpausen.