Lieber Beamter als Unternehmer. Lieber Sparbuch als Aktie. Lieber Vollkasko als Teilkasko. So lautet das beliebte Klischee über die risikoscheuen Deutschen. Doch mit der Realität hat das nicht viel zu tun: In keinem Land der Welt wird mehr gezockt als zwischen Main und Elbe. Nirgendwo sonst dürfen Banken und Broker so unbehelligt von der Aufsicht hoch spekulative Terminmarktprodukte an Privatanleger verkaufen. Hierzulande werden die meisten teils völlig verrückten, teils hoch effizienten Finanzinnovationen kreiert. Mehr als zwei Drittel des weltweiten Umsatzes in derivativen Finanzprodukten für den Privatanleger sind im vergangenen Jahr in Deutschland abgewickelt worden – immerhin rund 150 Milliarden Euro, wie die Deutsche Bank errechnet hat. Der Treibsatz für diese enormen Umsätze heißt Zertifikate. Diese kaum regulierten Finanzprodukte erlebten in den vergangenen zwei Jahren einen regelrechten Boom, der sie zur echten Bedrohung für DWS, Deka & Co macht, also die alteingesessene Fondsindustrie. Seit neuestem gibt es sogar Sparpläne auf Zertifikate, versucht die junge Branche, an die Gelder der Anleger für die Altersvorsorge zu gelangen.

Auf 15 Milliarden Euro schätzt die Schweizer Großbank UBS die Geldzuflüsse in Zertifikate allein im vergangenen Jahr. Das ist doppelt so viel, wie die streng regulierten und beaufsichtigten Aktien- und Rentenfonds einsammeln konnten. Haben die Zertifikateanbieter die pannensichere Gewinnmaschine erfunden, oder sind ihre Produkte einfach klüger, billiger und flexibler als die traditionellen Aktienfonds? Auf Märkten, die kaum reguliert werden, findet Innovation statt. Die berühmte "unsichtbare Hand" sorgt dafür, dass Produkte entstehen, die die Bedürfnisse der Anleger noch besser befriedigen. Die Abstimmung mit dem Portemonnaie spricht für das Produktangebot der Banken. Doch genauso kommt es zu Missbrauch, nutzen die Banken die Intransparenz und das Unwissen aus, um die Anleger zu übervorteilen. Der Clou an den komplizierten Zertifikaten ist: Die Anleger merken es nicht einmal.

Heute verwalten die Zertifikateanbieter mit schätzungsweise 40 bis 50 Milliarden Euro immerhin schon zehn Prozent der Gelder, die in Fonds angelegt sind. Offizielle Zahlen rückt die geheimnistuerische Branche allerdings nicht heraus.

Die Innovation Der Siegeszug der Zertifikate, die ähnlich wie Fonds zunächst nur eine Verpackung darstellen, begann mit der Baisse an der Börse. Die Anleger verlangten nach mehr Sicherheit und bekamen die passgenauen Produkte konstruiert. Sie heißen beispielsweise Garantie-, Bonus- und Discount-Zertifikat und sind wirklich etwas Neues. Die Kurse an den Börsen müssen dank dieser Zertifikate nicht mehr steigen, trotzdem kassiert der Anleger noch Erträge. Und das geht – ganz vereinfacht – so: In dem Discount-Zertifikat werden zwei Komponenten verpackt; der Kauf einer Aktie einerseits und der Verkauf einer Option auf diese Aktie andererseits. Der Verkauf der Option bringt eine Prämie, die in stagnierenden Märkten den Ertrag des Zertifikates darstellt und in fallenden Märkten einen Puffer. Die Optionsprämie können Privatanleger normalerweise nicht einstreichen, da ihnen die Teilnahme am professionellen Terminmarkt verwehrt ist. Deshalb eröffnen die neuen Zertifikate den Zugang zur dritten Dimension (siehe Seite 51). Genauso können Zins-Zertifikate, die eine günstige Währungsspekulation erlauben, als Coup der Zertifikatebranche gelten (siehe Seite 55). Seit den Anfängen haben es die flexiblen, weil kaum regulierten Zertifikateanbieter immer wieder verstanden, die träge und zu starr kontrollierten Fonds vor sich herzutreiben.

Die Subvention Bei aller Innovation bekommen Zertifikate gleich von drei Seiten Hilfe. Erstens vom Fiskus, der irrationalerweise Zertifikate gegenüber Fonds begünstigt: So sind Dividenden, die normalerweise dem Halbeinkünfteverfahren unterliegen, steuerfrei, wenn das Zertifikat länger als ein Jahr gehalten wird. Aus Dividenden werden steuerfreie Kursgewinne (siehe Seite 53). Zweitens geht die Regulierung in Deutschland nicht nach ökonomischen, sondern formalistischen Prinzipien vor. Deshalb ist grundsätzlich das, was Fonds untersagt ist, Zertifikaten erlaubt – weil es sich bei ihnen ja nicht um Fonds handelt. Ein Beispiel: Während es bis dieses Jahr verboten war, spekulative Hedge Fonds in Deutschland zu verkaufen, konnte die Zertifikatebranche ohne Probleme Papiere auf Hedge Fonds auflegen. Das ist klassische Regulierungsarbitrage. Würde die Aufsicht wie in Amerika einen ökonomischen Ansatz verfolgen, wären Hedge-Fonds-Zertifikate nie erlaubt worden, wäre jedes Zertifikat, das breit in Aktien anlegt, ein Fonds und würde entsprechend reguliert. Die dritte Subvention ist ganz subtil. In der Regel schlagen alteingesessene, regulierte Anbieter Alarm, wenn Emporkömmlinge Gesetzeslücken ausnutzen und um dieselben Kunden werben. Dann werden Qualitätsstandards eingefordert, Aufklärungskampagnen finanziert und Druck auf den Gesetzgeber gemacht. Dies blieb bei den Zertifikaten aus. Warum? Weil die Fondsgesellschaften eine Kampagne gegen ihre Mütter, die Banken, hätten finanzieren müssen.