Die dritte Dimension
Innovative Finanzprodukte schließen die Lücke zwischen Anleihen und Aktien. So gewinnen Anleger selbst bei stagnierenden Börsenkursen
Weniger Risiko und mehr Rendite? Geht nicht. Geht doch! Seit die innovativen Zertifikate das traditionelle Anlageuniversum von riskanten Aktien und sicheren Anleihen um die dritte Dimension erweitert haben, werden alte Börsenregeln außer Kraft gesetzt. Gemeint sind Garantie-, Bonus- und Discount-Zertifikate, eine bei Privatanlegern immer beliebter werdende Anlageklasse. Diese Zertifikate lassen nämlich bei stagnierenden Aktienkursen die Kasse klingeln. Zwar handelt es sich bei sämtlichen dieser noch relativ jungen Finanzmarktinnovationen um eine Kombination aus Aktie und Derivat – also Terminmarktprodukte. Mit dem Risiko hoch spekulativer Optionsschein- oder Future-Geschäften haben sie aber ganz und gar nichts gemein.
„Vielmehr fällt das Anlagerisiko, das mit ihrem Erwerb verbunden ist, deutlich geringer als beim direkten Kauf von Aktien aus“, erläutert Siegfried Piel, Derivate-Chef bei Sal. Oppenheim (vgl. Grafik). Dennoch profitiert der Investor bei allen drei Typen von Zertifikaten von steigenden Aktienmärkten. Bei Bonus-Zertifikaten partizipiert der Anleger sogar in vollem Umfang an einer positiven Entwicklung des zugrunde liegenden Basiswertes (siehe nebenstehenden Kasten). Geeignet sind Bonus-Zertifikate somit insbesondere für solche Investoren, die vom langfristigen Anlageerfolg von Aktien zwar grundsätzlich überzeugt sind, auf dem inzwischen wieder erhöhten Niveau aber erneute Rückschläge – wenn auch nicht allzu starke – durchaus für möglich halten.
Wenn der Discount rollt
Soll dagegen auch das Risiko größerer Aktienmarktverluste eliminiert werden, bleibt nur der Griff zu Garantie-Produkten (siehe auch Seite 48) . Reale Verluste sind dabei zwar definitiv ausgeschlossen, die Chance auf hohe Zugewinne dafür aber auch äußerst begrenzt.
Auf einem gänzlich anderen Konzept als die bisher aufgeführten Zertifikate basieren Discount-Zertifikate oder kurz Discounter. Einfach ausgedrückt, entspricht ihr Kauf dem Erwerb von Wertpapieren im Sonderangebot. Allerdings zahlt der Anleger für das Schnäppchen einen Preis: Er verzichtet ab einer festgelegten Grenze auf weitere Kurssteigerung (siehe auch Seite 51) .
Fortentwickelt wird das Discount-Konzept bei Rolling-Discount-Zertifikaten (siehe auch Seit e 52). Beide Produktvarianten, die Discount- und Rolling-Discount-Zertifikate, entwickeln sich bei stagnierenden, fallenden und leicht steigenden Kursen besser als die jeweilige Aktie oder der Index, auf die oder den sie sich beziehen. „Besser kann dabei natürlich auch weniger schlecht bedeuten“, wie Dorothea Kleine vom Verbraucherverband Bundeszentrale zu bedenken gibt. „Ist der Preisnachlass nämlich aufgezehrt, sind Anleger bei weiteren Kursverlusten des Basiswertes nach unten unbegrenzt dabei. Verluste sind somit auch bei Discount-Zertifikaten keineswegs ausgeschlossen.“ Trotz dieser Einschränkung ist ihnen ein Direktinvestment nur bei stark steigenden Aktienmärkten überlegen.
So hat die Deutsche Bank in einer Studie ermittelt, dass sich über 80 Prozent der von ihr bis Ende 2003 emittierten Discounter, relativ betrachtet, besser entwickelt haben als der ihnen jeweils zugrunde liegende Basiswert. Aus Sicht der Discount-Zertifikate sogar noch besser fallen die Ergebnisse bei einer Untersuchung von UBS aus. Bei beiden Studien muss allerdings berücksichtigt werden, dass die Mehrzahl der untersuchten Papiere in Zeiten stagnierender beziehungsweise rückläufiger Aktienmärkte emittiert worden sind.
Dennoch – oder besser gesagt: gerade deshalb – zeigen die Untersuchungen aber einen ganz entscheidenden Aspekt auf. Wurde bisher nämlich stets nur die Risikostruktur der verschiedenen Zertifikate für sich genommen betrachtet beziehungsweise mit der von Aktien verglichen, sind im Rahmen einer ausgewogenen Vermögensstrukturierung letztendlich alle Wertpapierpositionen in einem gemeinsamen Kontext zu sehen. Das Ziel muss es dabei sein, ein Depot zusammenzustellen, bei dem eine bestimmte Rendite mit möglichst geringen Wertschwankungen des Gesamtdepots oder alternativ bei vorgegebenem Risiko eine möglichst hohe Rendite realisiert werden kann. Nur solche Depots werden im Fachjargon als effizient bezeichnet.
Da Discounter aber gerade in solchen Phasen für eine attraktive Performance sorgen, in denen sich am Aktienmarkt, über längere Zeit betrachtet, per Saldo überhaupt nichts tut oder es sogar zu leichten Verlusten kommt, eignen sie sich hervorragend zur Verbesserung der Portfoliostruktur, wie Werner Humpert von UBS erläutert. „Neben Aktien und Anleihen kann man Discount- und Rolling-Discount-Zertifikate so auch getrost als dritte Wertpapierklasse bezeichnen, die in keinem ausgewogenen Depot fehlen sollte.“
Was zunächst abstrakt klingt, lässt sich mit einem Zahlenbeispiel aus der Vergangenheit verdeutlichen: Viele Anleger halten eine Wertpapieraufteilung von 50 Prozent Aktien und 50 Prozent Anleihen für sinnvoll. Ein derart strukturiertes Portfolio hätte in den vergangenen neun Jahren – also einem Zeitraum, der sowohl von steigenden (bis Anfang 2000) als auch stark fallenden Aktienkursen geprägt war – eine jährliche Rendite von durchschnittlich 7,8 Prozent erwirtschaftet.
Durch Reduzierung des Aktienanteils auf 30 Prozent und des Rentenanteils auf 40 Prozent hätte sich bei gleichzeitiger Aufnahme von Rolling-Discount-Zertifikaten (30 Prozent) die durchschnittliche Jahresrendite jedoch um 2,2 Prozentpunkte erhöht. Gleichzeitig wäre das Risiko des Depots, ausgedrückt durch die durchschnittliche jährliche Schwankung, deutlich gesunken.
Mix it, Baby!
„Selbst das Risiko von Bundesanleihen, nach Ansicht vieler Wertpapiersparer die sicherste Anlageform überhaupt, lässt sich durch Beimischung konservativer Rolling-Discount-Zertifikate weiter reduzieren“, so Florian Brechtel, Derivateexperte bei der Deutschen Bank. Gerade bei dem aktuell sehr niedrigen Zinsniveau stellt nämlich das Zinsänderungsrisiko für Investoren, die ihre Anleihen nicht bis zur Endfälligkeit halten wollen, erhebliches Gefahrenpotenzial dar. Steigen die Zinsen, kommt es bei Rentenpapieren zwangsläufig zu Kursverlusten.
Wie vergangenheitsorientierte Berechnungen zeigen, hätten konservative Rolling-Discount-Zertifikate historisch eine ähnliche Rendite wie Bundesanleihen erbracht, jedoch zu unterschiedlichen Zeitpunkten, wie Brechtel sagt. Dazu ergänzt Humpert, dass sich vielfach sogar ein negativer Zusammenhang zwischen der Kursentwicklung beider Anlageformen feststellen lässt. „In Zeiträumen, in denen festverzinsliche Wertpapiere besonders gut abschnitten, wie beispielsweise 2002, entwickelten sich die Zertifikate unterdurchschnittlich. In Jahren, in denen Bundesanleihen wenig Rendite brachten (zum Beispiel 1999 und 2003), schafften die rollierenden Derivate ein überdurchschnittliches Ergebnis. Durch Mischung beider Anlageklassen kann bei gleicher Renditeerwartung somit eine deutlich erhöhte Wertstabilität des Anlagevermögens erreicht werden.“
Unerfahrenen Investoren rät Kleine allerdings, vor dem ersten Engagement unbedingt fachkundigen Rat einzuholen. „Niemand sollte in Wertpapiere investieren, deren Funktionsweise und Verlustpotenzial er nicht hundertprozentig nachvollziehen beziehungsweise abschätzen kann.“
- Datum 13.05.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 13.05.2004 Nr.21
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