Es war der Altmeister der Spekulanten, André Kostolany, der den Begriff der "Milchmädchen-Hausse" prägte. Kaufen in der Gier nach Profiten selbst schon die Milchmädchen angesagte Aktien, ist der Markt überhitzt. Der Crash der Börse steht aller Wahrscheinlichkeit nach kurz bevor, und man ist gut beraten auszusteigen. Milchmädchen gibt es indes nicht mehr, aber auf dem Markt für Zertifikate kommen die Warnzeichen heute ohnehin aus einer ganz anderen Richtung – aus den Marketingabteilungen der emittierenden Banken. Je größer der Werberummel, mit dem die Anbieter vermeintlich todsichere Zertifikate auf den Markt werfen, umso lauter sollten beim gemeinen Privatanleger die Alarmglocken klingeln. Die Erfahrung aus den vergangenen Jahren lehrt: Ist ein Trend zu erkennen, so ist der Trend in der Regel bereits vorbei, und es ist allerhöchste Zeit, sich nach neuen Investments umzusehen. Denn wer zu spät kommt, … eben!

Beispiele gefällig? Starten wir mit dem Klassiker, dem Neuen Markt: Ganz groß waren in den Jahren 1999 und 2000 Themen-Zertifikate auf die Boombranchen der New Economy, auf Technologie und Internet. Fast alle Anbieter, die was auf sich hielten, brachten mit viel Werbegetöse Index- und Basket-Zertifikate auf den Markt. Abstrus wirkt es heute geradezu, dass die Investmentbank Goldman Sachs noch im Januar 2001 ihr Index-Zertifikat auf den Nemax 50 losschlagen konnte. Exoten durften natürlich auch nicht fehlen. So spezialisierte sich das von ABN Amro im Januar 2000 herausgebrachte Internet-B2B-Zertifikat ausschließlich auf Internet-Firmen, deren Zielgruppe nur aus anderen Unternehmen anstatt aus Endverbrauchern bestand. Das war in dieser Zeit der hochfliegenden Visionen vielversprechend, aber leider auch nur das. Schon wenige Monate nach der Platzierung stürzte der Kurs des Zertifikats steil ab. Zwar konnte er sich seit dem Frühjahr 2003 wieder erholen – doch im Vergleich zum Emissionspreis verzeichnet das Papier immer noch ein Minus von stattlichen 70 Prozent.

Ein Trend jagt den anderen

Nicht nachdenken, heißt die Devise, ein Trend jagt den anderen, und immer haben die Anbieter einen "heißen Tipp" für ihren Kunden parat. Klar. Den Blick gilt es nach vorn zu richten, nicht zurück und nicht zur Seite, dort, wo der Trend von gestern gerade in sich zusammenfällt. Als etwa die Aktienkurse der Dotcoms zu wackeln begannen, rollte bereits der Logistik-Trend über das Börsenparkett. Aus drögen Speditionen machte das Marketing kurzerhand Logistik-Spezialisten. Das klang ausnehmend gut, dynamisch und natürlich äußerst erfolgversprechend, und so strickten die Anbieter zu den Aktien auch die passenden Zertifikate – heftig beworben, fanden Papiere wie das Worldwide-Logistics-Zertifikat von Merrill Lynch denn auch reißenden Absatz. Doch das Zertifikat der amerikanischen Investmentbank machte den Anlegern wenig Freude: Nach Auflegung am 27. Februar 2001 ging es noch knapp drei Monate nach oben, danach aber fuhren die Logistiker mitsamt Kurs und Trend langsam, aber sicher in die Versenkung. Günstig für den Anleger wären zu diesem Zeitpunkt Garantie-Zertifikate mit Kapitalerhalt gewesen.

Antizyklisch investieren

Doch die kamen erst später in Mode – als ein Großteil des Kapitals schon verbrannt war. Als sich im Frühjahr 2003 die Börsenkurse nach ihrem tiefen Sturz langsam aufrappelten, brachte ABN Amro das Renditejäger-Zertifikat auf den Dax heraus. Das Verlustrisiko ist bei diesem Zertifikat auf zehn Prozent begrenzt, doch dafür nimmt der Anleger nur zu einem kleinen Teil an den Kursgewinnen des Dax teil. Pech für diejenigen, die gleich mit der Neuemission am 7. Mai des vergangenen Jahres eingestiegen sind: Während der Dax bis Mitte April 2004 um mehr als 30 Prozent zulegte, mussten sich die Inhaber der Garantie-Zertifikate mit immer noch beachtlichen, im Vergleich aber bescheidenen 14 Prozent Gewinn begnügen. Das ist weniger als die Hälfte.

Noch Fragen? Wegen der vergleichsweise einfachen und daher zügigen Zulassungsverfahren für Zertifikate können die Anbieter bei Bedarf mitunter sehr kurzfristig auf Signale des Marktes reagieren, doch sollte der Privatanleger nicht unbedingt jeden Schwenk der so flexiblen wie fleißigen Emittenten mitmachen. Kurzfristig ist oft kurzsichtig. Wer nicht spekulieren, sondern lieber langfristig sein Vermögen sichern und aufbauen will, der sollte besser ruhig abwägen und die wachsende Popularität einer bestimmten Art von Zertifikaten skeptisch betrachten.