Ob Hans Eichel wohl in Zertifikate investiert? Zugegeben, eine polemische Frage. Doch wer sich mit Steuern und Zertifikaten beschäftigt, kann kaum nachvollziehen, warum der Bundesfinanzminister bei Investmentfonds die Erträge besteuert, Anleger von Zertifikaten aber weitestgehend unbehelligt davonkommen lässt. "Die steuerlichen Vorteile sind schon ein wichtiges Entscheidungsargument für die Kunden", gibt Christopher Maaß zu, Zertifikateexperte der Commerzbank.

Erträge aus Zertifikaten sind in der Regel nicht steuerpflichtig. Nach Auffassung der Finanzverwaltung ist bei solchen Papieren jedoch die einjährige Spekulationsfrist zu beachten; das heißt, wird durch Verkauf oder Einlösung dieser Zertifikate innerhalb eines Jahres ein Gewinn realisiert, ist dieser als privater Spekulationsertrag mit dem persönlichen Steuersatz zu versteuern.

Besonders krass ist der Vorteil von Zertifikaten gegenüber Fonds bei Dividendenerträgen. Wer ein Zertifikat zwölf Monate lang hält, partizipiert nicht nur voll und steuerfrei an der Kursentwicklung des Basiswertes, sondern kann auch die angefallenen Dividenden auf legale Weise steuerfrei kassieren. Bei Fonds ist die gesetzliche Regelung dagegen eindeutig: Zins- und Dividendenerträge müssen versteuert werden. Mit Zertifikaten besitzen die Anleger anders als bei Fonds kein Recht auf die jeweilige Aktie, da es sich um eine Inhaberschuldverschreibung handelt, also eine Anleihe.

Klar, dass die Fondsindustrie bei diesen steuerlichen Privilegien der Konkurrenzprodukte murrt. Man habe das Thema in Berlin schon mehrfach angesprochen, heißt es vonseiten des Bundesverbandes Investment und Asset Management (BVI). Doch geändert habe sich nichts. Zu einer wichtigen Ausnahme bei der Besteuerung von Zertifikaten hat sich der Gesetzgeber indes durchgerungen: die so genannten kapitalgarantierten Produkte, die dem Anleger die Rückzahlung zumindest eines Teil des eingesetzten Kapitals garantiert. "Garantie-Zertifikate zählen zu den Finanzinnovationen im Sinne von Paragraf 20 des Einkommensteuergesetzes und sind damit so genannte Kursdifferenzpapiere, das heißt, die Kursdifferenz zwischen Veräußerungspreis und Anschaffungspreis unterliegt in voller Höhe der Kapitalertragsteuer und somit dem Zinsabschlag", erläutert Alexander Etterer vom Kölner Steuerberater- und Wirtschaftsprüferbüro Rödl & Partner. Die Spekulation "mit Netz" gehört nach Auffassung des Finanzministeriums somit eher in den Bereich der Anleihen als in den der Aktien und wird auch dementsprechend besteuert: Kursgewinne aus Garantie-Zertifikaten sind somit auch nach Ablauf der Spekulationsfrist steuerpflichtig.

Ungeachtet der steuerlichen Vorteile gegenüber Investmentfonds, beklagen viele Zertifikateemittenten die vorhandene Rechtsunsicherheit. Denn das Finanzministerium hat seine Ansichten nicht in Gesetzesform gegossen, sondern nur in zwei Rundschreiben Ende der neunziger Jahre veröffentlicht – was die Emittenten angesichts der stark gestiegenen Komplexität der Zertifikatewelt immer lauter kritisieren. "Wir müssen uns bei neuen Produkten jedes Mal Steuergutachten einholen, um auf der sicheren Seite zu sein", sagt Markus Koch, Derivateexperte bei UBS. Anders als in der Schweiz oder den Niederlanden, gebe es in Deutschland keine staatliche Stelle, die neue Zertifikate vor dem Verkauf unter steuerlichen Gesichtspunkten absegnet. "Wir würden eine einheitliche Regelung sehr begrüßen", so Koch.

"Bei neuen Produktkreationen ist es unbedingt notwendig, dass unsere Steuerexperten diese Konstruktionen genau unter die Lupe nehmen", sagt auch Marc Pawlak von der WestLB. Wie alle anderen Häuser weist die WestLB zusätzlich ausführlich im Verkaufsprospekt auf die steuerlichen Risiken und Merkmale der Produkte hin. Die Information, dass die Aussagen im Prospekt dennoch nicht als Garantie zu verstehen sind, ist obligatorisch. Vorsichtshalber sollten Anleger den Rat des eigenen Steuerberaters einholen. Pawlak: "Es kann jedoch nicht ausgeschlossen werden, dass die Finanzverwaltung oder die Rechtsprechung die steuerrechtliche Beurteilung der jeweiligen Konstruktion in Zukunft ändern wird."

"Wir bewegen uns mit vielen Produkten in der Grauzone", gibt Stefan Armbruster von der Deutschen Bank zu. Für einige Anleger könnte es ein böses Erwachen geben. Dann nämlich, wenn die Finanzämter vielleicht doch für einige strittige Fälle rückwirkend Steuern erheben. So geschehen Ende der neunziger Jahre bei einem kapitalgarantierten Index-Zertifikat von Merrill Lynch.

Speziell bei völlig neuen Zertifikatekonstruktionen scheint die steuerliche Handhabung reine Auslegungssache. So bieten einige Häuser seit kurzem Zertifikate auf den Rentenindex RexP an. Der Index spiegelt die Kursentwicklung und die Kuponzahlungen für festverzinsliche Bundesanleihen wider. Mit Hilfe der neuen Zertifikate werden Zinserträge in Kursgewinne gewandelt. Doch während die WestLB das Produkt selbst als – zu versteuernde – Finanzinnovation einstuft, preisen andere Häuser die Konstruktion als legale Steuerumgehung an. Die Deutsche Bank hat ihre eigene Logik. Da die Rechtslage unklar sei, verzichtet sie gänzlich auf derartige Produkte. Zertifikate auf Staatsanleihen hätten eindeutig keinerlei spekulativen Charakter. Da ein Totalverlustrisiko nicht bestehe, müssten die Erträge versteuert werden, heißt es bei der Deutschen Bank zur Begründung.