DIE ZEIT: Herr Sinn, sparen wir uns kaputt?

Hans-Werner Sinn: Nein, im Gegenteil. Wir haben die Staatsschulden in den letzten 15 Jahren verdreifacht. Wir belasten die künftigen Generationen in unverantwortlicher Weise. Die Schuldenquote, das Verhältnis von Schulden zum Bruttoinlandsprodukt, dem BIP, geht in diesem Jahr auf 67 Prozent zu. Der Staat lebt über seine Verhältnisse. So geht es nicht weiter.

Peter Bofinger: Das sehe ich ganz anders. Wir sind auf einem Sparkurs. Das strukturelle Defizit, also das von konjunkturellen Schwankungen unabhängige Haushaltsdefizit, wird deutlich zurückgeführt – von 2,9 Prozent im Jahr 2002 auf jetzt 1,9 Prozent. Das ist der höchste Rückgang aller Euroländer. Dazu kommt das ungünstige monetäre Umfeld. Wegen unserer relativ niedrigen Inflation hat Deutschland nahezu die höchsten Realzinsen in Europa. Deshalb ist auch die Binnennachfrage so schwach. Jetzt den Sparkurs zu verschärfen wäre falsch.

Sinn: Wir schätzen das strukturelle Defizit auf 2,5 Prozent…

Bofinger: … ich halte mich an die Zahlen des Internationalen Währungsfonds.

Sinn: … und außerdem liegt das tatsächliche Defizit Jahr um Jahr weit über der Drei-Prozent-Grenze des europäischen Stabilitäts- und Wachstumspaktes. Wir verletzen den Pakt, den wir seinerzeit selbst gegen die anderen EU-Länder erzwungen haben. Dazu ist jetzt ein Verfahren beim Europäischen Gerichtshof anhängig. Das ist mehr als blamabel. Selbst von der 60-Prozent-Grenze des Vertrages von Maastricht entfernen wir uns immer mehr.

Bofinger: Diese Grenze ist völlig willkürlich. Man kann auch bei einem Schuldenstand von über 60 Prozent sehr gut wachsen, das zeigen die USA. Entscheidend ist, dass wir mehr Wachstum erreichen, dann sinkt langfristig auch die Schuldenquote.