Mehr als fünfhundert Jahre hatte die Skizze ihr Geheimnis gehütet. War die Zeichnung, die Leonardo da Vinci im Alter von 26 Jahren angefertigt hatte, wirklich der Bauplan für das erste Automobil der Welt? Als "Fiat von Leonardo" wurde das Gerät zur Zeit des italienischen Faschismus gefeiert. Mussolini wollte mit einer Rekonstruktion beweisen, dass die Wiege des modernen Automobilismus in Italien stand. Nur eine Kleinigkeit bremste damals den Nationalstolz: Keines der nachgebauten Modelle war wirklich fahrtüchtig. Und niemand konnte die Frage beantworten, wie sich das Künstlergenie aus Vinci das Ineinandergreifen der Holzzahnräder und Federn gedacht hatte.

Umso stolzer präsentiert nun das Museum für Wissenschaftsgeschichte in Florenz den ersten funktionsfähigen Prototyp. Basierend auf Leonardos Zeichnung von 1478, die als Blatt 812 in der Handschriften-Sammlung des Codex Atlanticus festgehalten ist, haben die Italiener ein 1,70 mal 1,50 Meter großes Holzmodell gebaut. Und siehe da: "Leonardos Automobil" kann sich tatsächlich aus eigener Kraft bewegen – wenn auch nur ein paar Dutzend Meter weit. "Eine geniale Erfindung", lobt Museumsdirektor Paolo Galluzzi, leider sei sie "jahrhundertelang missverstanden" worden.

Es bedurfte erst der Zusammenarbeit von Kunsthistorikern, Roboterexperten und Computergrafikern, um festzustellen, dass die Schuld daran nicht dem Renaissance-Ingenieur angelastet werden kann. "Die Skizze von Leonardo war praktisch perfekt", sagt Galluzzi. Dabei findet sich auf Blatt 812 weder eine Beschriftung noch die geringste Anmerkung. Doch das komplexe Zusammenwirken der unterschiedlichen Elemente, meint Galluzzi, "erklärt sich ausschließlich aus der Zeichnung". Man müsse sie nur richtig zu lesen wissen.

Frühere Rekonstrukteure waren davon ausgegangen, dass die gut sichtbaren Aufhängungsfedern in der Mitte quasi als Motor des carro semovente, des "selbstfahrenden Karrens", dienten. Doch die Nachbauten setzten sich nie in Gang. Erst 1975 dämmerte dem Leonardo-Experten Carlo Pedretti, wo der Fehler lag. In den Archiven der Uffizien in Florenz stieß er auf eine anonyme Zeichnung aus dem 16. Jahrhundert, die verschiedene von Leonardo verwendete Mechanismen darstellte. Sie brachte Pedretti ins Grübeln. Vielleicht dienten die großen Federn nicht dem Antrieb, sondern nur der Steuerung des Karrens? Und vielleicht bezog dieser seinen Schwung aus zwei weiteren Sprungfedern, die Leonardo in einem trommelförmigen Behälter unterhalb des Wagens andeutete?

Diese These konnte Pedretti erst in den neunziger Jahren verifizieren, als er in den USA den Robotikingenieur Mark Rosheim traf. Rosheim, der unter anderem mit der Nasa zusammenarbeitete, setzte Leonardos Zeichnung in ein dreidimensionales Computermodell um. Am Bildschirm zeigte sich, dass die einzelnen Elemente – wie bei einem Uhrwerk – auf komplizierte Weise ineinander griffen und dass tatsächlich die Sprungfedern als eigentliche Antriebsquelle dienten. Allerdings müssen diese jeweils von Hand gespannt werden, bevor sie ihre Kraft entfalten können.

Der carro semovente ähnelt damit eher einem jener Spielzeugautos, die Kinder zunächst mit kräftigem Reiben über den Fußboden aufziehen, bevor sie sie mit Schwung davonflitzen lassen. Zur Fortbewegung über längere Strecken war "Leonardos Auto" also wohl nie gedacht – ebenso wenig wie für den Transport von Menschen. Vielmehr hatte da Vinci damit ganz anderes im Sinn. "Wahrscheinlich hat er diesen Mechanismus für irgendein spektakuläres Schauspiel entworfen, auch wenn wir darüber keinerlei Zeugnisse haben", mutmaßt Paolo Galluzzi. Bekannt ist zum Beispiel, dass Leonardo im Auftrag der Medici für den Einzug des frisch gekrönten französischen Königs Franz I. in Lyon ein ähnliches, uhrwerkgetriebenes Gefährt entwarf: einen papierenen Löwen, der auf den König zulief, seine Brust öffnete und einen Strauß Lilien ausspie.

Wurde die Zeichnung auf Blatt 812 für einen ähnlichen Anlass ersonnen? Dafür spricht, dass der Federmechanismus, einmal aufgezogen, per Schnur aus der Entfernung ausgelöst werden kann. Vermutlich, so glaubt Galluzzi, sollte der dekorierte Karren auf dem Höhepunkt irgendeiner Feierlichkeit plötzlich wie von Geisterhand bewegt in die Szenerie gefahren kommen. Mit solchen Inszenierungen zeige sich Leonardo nicht nur als technisches Genie, sondern auch als "Steven Spielberg seiner Epoche", schwärmte Galluzzi gegenüber der französischen Zeitung Libération.

Der Robotiker Rosheim gewinnt dem "fahrenden Karren" dagegen einen anderen Superlativ ab. Da Vinci habe zwar nicht das erste Auto entworfen, aber mit seinem skizzierten Fahrroboter "das erste Zeugnis eines programmierbaren analogen Computers in der Geschichte der Zivilisation" hinterlassen.