Lebenszeichen Initiation
Harald Martenstein geht mit seinem Sohn angeln
Vorletzte Woche sagte ich zum Sohn: »Väter bringen den Söhnen das Jagen bei. Oder auch Fischen. So will es der Brauch.« Wir gingen in den Angel-shop. Der Angelshoptyp sagte, dass man zum Angeln in Deutschland zweierlei braucht, erstens Fischereischein, zweitens Angelkarte. Fischereischeine gibt es in drei Sorten. Den einfachsten Schein, A, bekommt man, wenn man einen dreißigstündigen Lehrgang besucht und die Anglerprüfung bestanden hat. In der Anglerprüfung muss man Kenntnisse unter anderem in Fischereirecht, in Gewässerökologie, in allgemeiner Fischkunde, in spezieller Fischkunde, im Tierseuchengesetz und über das Sexualleben der Wasserpflanzen nachweisen. Aus den Unterlagen für den Fischereischein habe ich mir den Satz gemerkt: »Fische im Sinne des Landesfischereigesetzes sind auch Krebse.« Die Angelkarte aber hat man damit noch lange nicht.
Ich sagte: »Das männliche Rollenmodell, das ich dir, mein Sohn, jetzt vorlebe, ist das Rollenmodell Wilderer.«
Als Köder kauften wir lebende Stubenfliegenmaden. Es gibt tatsächlich berufsmäßige Stubenfliegenmadenzüchter. Ich dachte: »Wenn es die Fernsehsendung ›Das eklige Beruferaten‹ gäbe, dann wäre das was für die.« Man soll die Maden im Kühlschrank aufbewahren. Irgendwie haben sie es in der Nacht geschafft, sich aus dem Plastiktöpfchen zu befreien. Als wir am Morgen den Jogurt rausholen wollten, krabbelten Hunderte von Stubenfliegenmaden im Kühlschrank umher. Es sind Tiere von extrem ungepflegtem Äußeren. Tipp: Man tut besser zwei Gummis um das Töpfchen mit den Maden.
Wir fuhren zum Fluss. Wir warfen die Angel aus. Nach dreißig Sekunden biss der erste Fisch. Ich muss das jetzt eben mal kurz erklären.
In der Havel haben sich zwei Fischarten explosionsartig vermehrt, Bleie und Güstern. Warum, weiß ich nicht. Es ist jedenfalls so, dass Bleie und Güstern den anderen Fischen alles wegfressen und man fast schon trockenem Fußes von einem Ufer zum anderen laufen kann, so viele Bleie und Güstern schwimmen in der Havel. In den Anglermerkblättern steht, dass man alle Mindestgrößen-Vorschriften vergessen soll, sofern es um Bleie und Güstern geht. Man soll so viele wie möglich rausangeln und die Fische notfalls wegwerfen. Die Sache ist ökologisch aus dem Ruder geraten. Warum? Weil es nicht genug Angler gibt. Nicht genug Angler aber gibt es, weil man, um angeln zu dürfen, fragwürdige Sätze auswendig wissen muss: »Fische im Sinne des Landesfischereigesetzes sind auch Krebse.«
Wir haben Güstern gefangen ohne Ende. Am Abend gab es Bratgüstern. Sie schmecken nicht schlecht. Bleie am Spieß, Güsterngulasch, Bleie blau, das ist jetzt unser Speisezettel. Mein Sohn wird einmal sagen können: »Der Vater, ja, der ist damals ein gefürchteter Wilderer gewesen.«
- Datum 13.05.2004 - 14:00 Uhr
- Serie Lebenszeichen
- Quelle (c) DIE ZEIT 13.05.2004 Nr.21
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