Der Neue Vater, das wird zu zeigen sein, ist ein Wurm. Ein Jammerlappen. Als Körper gerade noch anwesend, ist er als Person blass, schwächlich, beinahe inexistent. Er verfügt weder über Autorität noch Profil, scheut Auseinandersetzungen, ist harmoniesüchtig und nachgiebig bis zur Charakterlosigkeit.

Noch schlimmer als er ist nur, was er anrichtet. Die härteste Kritik am Neuen Vater kommt von den Kinderpsychologen, die auf den fatalen Zusammenhang zwischen den Problemen ihrer Klienten und ebendiesem neuen Vatertypus hinweisen. Sie haben seit einigen Jahren auffallend häufig mit Kindern zu tun, die aufgrund ihrer massiven Störungen zwischen Erziehungsberatungsstellen und Arztpraxen hin und her geschoben werden. Gemeinsames Merkmal: Sie sind aggressiv, egozentrisch, antisozial, der Empathie unfähig. Manchmal auch gemeingefährlich oder verhaltensgestört bis zur Unbeschulbarkeit. Beim Ausleuchten des familiären Hintergrundes treffen die Therapeuten regelmäßig auf eine der beiden Konfigurationen: Entweder die Mutter erzieht allein; oder an ihrer Seite steht dieser Neue Vater. In all seiner deprimierenden Blässe und Schwachheit. Für seine Kinder eine konturlose Figur, die zur Identifikation nicht taugt; ein Wesen, das keine Regeln lehrt, keine Orientierung gibt und keinen Weg aus der Kuschelgemeinschaft Familie in die Welt zeigt. Die günstigste Prognose für Kinder solcher Väter: Sie werden zu den quengelnden, unzufriedenen, gelangweilten und verwöhnten Narzissten, denen man heute überall und massenhaft begegnet. Der Neue Vater ist schlimmer als der alte.

Das aktuelle Väterbild in der Öffentlichkeit ist freilich ein anderes. Seit zwei, drei Jahren werden die Väter in der Öffentlichkeit gekrault und gestreichelt, dass es eine Wonne ist. Pädagogische und psychologische Populärwissenschaftler, Boulevardpresse und Fernsehen polieren gemeinsam das traditionell miese Väter-Image auf. Vorbei die Zeiten, da Väter durch die Bank als Nestflüchter galten. Im besten Fall in innerer Emigration (Hobbykeller). Im wahrscheinlichsten als Lotterbuben, triebgesteuert und andauernd in Sachen Erbgutverteilung unterwegs ("fuck and run"). Natürlich skrupellose Unterhaltspreller. Glaubte man noch in den achtziger Jahren, ohne solche Väter sei die Welt friedlicher und die reine Mutter-Kind-Familie ein anzustrebendes Idyll, so heißt es heute stereotyp: Fehlende Väter sind eine einzige psychische Katastrophe für Kinder. Es drohen Drogen, Alkohol, Suizid. Dem Wert eines neuen, modernen Vaters widmet sich sogar eine eigene Forschungsrichtung, die Väterforschung. Psychologie heute lobt die "einzigartige Weise", in der Väter ihre Kinder fördern. Die außerordentliche "Feinfühligkeit" vieler Väter beim Spielen und dessen immensen Einfluss auf die Bindungsfähigkeit der späteren Erwachsenen stellte 2001 eine viel zitierte Studie der Uni Regensburg heraus. "Ohne Väter", so Geo über das "neue Bild vom Vater", "ist kein Nachwuchs richtig fit fürs Leben." Während Schmuse- und Kille-kille-Väter die Eltern-Illustrierten bis zum Rand füllen, rückt in den Mittelpunkt einer neuen Väterikonografie konkurrenzlos das herzwärmende Motiv Zärtlicher Papi mit nacktem Säugling auf dem Arm . In gut sortierten Fotoarchiven ist es zur eigenen Kategorie aufgestiegen.

Unterhalb des Papi-muss-sein-Diskurses verbirgt sich ein quälendes Suchen nach dem Vater als warmen, nahen, liebenden Element, dem Freund. Von "Vatersehnsucht" spricht Gerhard Amendt (Institut für Geschlechterforschung, Uni Bremen), der ein Buch über dieses Phänomen geschrieben hat. Dem Sozialwissenschaftler begegnete sie vor allem in der Generation, die den "verdammenden Feminismus und das sprachlose männliche Weggucken" nur vom Hörensagen kennt.

Vatersehnsucht in der Nachkriegszeit leuchtet ein. Aber ausgerechnet bei der Generation Golf? Die schon kaum mehr von autoritären Klötzen erzogen worden ist? Wo die Väter längst nicht mehr draußen zu Hause waren (bei der Arbeit, bei den Kumpels, also in der Welt). Vati gehörte ihnen nicht nur am Samstag – er saß, sooft es nur ging, zu Hause. "Refamilialisiert", wie die Soziologen sagen. Doch offenbar stillt die physische Anwesenheit des Vaters, selbst wenn er Hoppereiter spielt und durchs Bett tobt, die Vatersehnsucht der Kinder nicht. Sie meinen einen anderen Vater.

Neue Väter? Schon vor über zwanzig Jahren probten die ersten, zunächst aus akademisch-alternativen Milieus, die neue Rolle. Hinter dem neuen, dem sanften Vater- und Mannsbild versteckte sich eine schöne alte Utopie. Sie gehört in die siebziger Jahre und wäre dort auch besser geblieben. Damals träumten viele den Traum von einer friedlichen, harmonischen Welt der sich verwirklichenden Frauen, der sanft und unaggressiv im Hintergrund agierenden Männer und der freien und glücklichen Kinder, die in ihren Bedürfnissen rundum befriedigt aufwachsen. In diesem Bild suchten Väter nach einer passenden Vaterrolle und einer Antwort auf die Frage, was "bevatern" sein könnte. Man begegnete dem Neuen Vater an bis dahin geradezu unziemlichen Orten, auf dem Spielplatz etwa, wo er seinen Zweijährigen auf die Rutsche hob, hinterherkletterte und sich, Kind voran, in die Rutschrinne zwängte. Die Mutter saß derweil mit einer Freundin auf der Parkbank und rauchte. Oder morgens um sechs Uhr konnte man ihn beim Spazierengehen am Fluss antreffen, eine Hand schob den Kinderwagen, die andere hielt den Schnuller parat. Mama schlief noch. Oft trug der Neue Vater noch die berühmte Unisex-Latzhose des Softies. Denn der liebe, sanfte Neue Vater war ja die Fortentwicklung des Neuen Mannes, der gerade angefangen hatte, in der Öffentlichkeit zu stricken und davon zu träumen, dass ihn die Frauen dafür liebten.

Ökonomisch betrachtet, ist der Neue Vater das Resultat einer umfassenden und lang dauernden Väterkrise, welche ihrerseits das Ergebnis einer in ihrer Bedeutung kaum zu überschätzenden Familienkrise ist. Der wirtschaftliche Aufschwung nach dem Krieg und das Wirtschaftswunder verlangten nach Arbeitskräften und entdeckten nicht nur die Ausländer. Sondern auch die Mütter. Die aus der Berufstätigkeit folgende ökonomische Unabhängigkeit und "Entfamilialisierung" von Müttern störte den klassischen Kleinfamilien-Deal: Der Mann kümmert sich um die Ressourcen und erhält dafür Respekt, Autorität und Macht. Die Frau kümmert sich um Haus und Kinder und wird dafür versorgt. Das geplatzte Geschlechterarrangement trug entscheidend dazu bei, das patriarchale Selbst- und Weltbild des Mannes zu zersetzen. Und aus seiner selbstverständlichen und weitgehend unhinterfragten patriarchalen Autorität wurde binnen weniger Jahre das für gefährlich gehaltene Relikt einer beschämenden Vergangenheit. Und später eine lächerliche Pose. Darüber ging die traditionelle Vaterrolle fast verloren. Und die neue Vaterrolle ist bis heute nicht fest umschrieben. Selbstzweifel, Selbsthass und ein schlechtes Gewissen den Müttern gegenüber scheinen aber Konstanten zu sein. Der Neue Vater hieß noch vor wenigen Jahren lieber nicht Vater oder Papa. Sondern Klaus, Wolfgang oder Torsten. Eigentlich war schon die Vaterschaft selbst ein dubioses Relikt aus finsteren Zeiten – statt ihrer wurde eine Beziehung zum Kind auf Augenhöhe angestrebt. Selbst im Umgang mit der 14-monatigen Tochter trat der Neue Vater konsequent partnerschaftlich auf.

Zweifellos erkennt man den Neuen Vater heute daran, dass er seine selbst entdeckten weiblichen Anteile stolz präsentiert. Schon bei der Geburtsvorbereitung atmet er Presswehen eindrucksvoller weg als seine Frau. Aus Gründen der Solidarität mit der anschwellenden Partnerin legt er im Verlaufe der Schwangerschaft im Schnitt um vier Kilo zu (die er auch nach der Geburt behält). Er windelt im Zweifel routinierter als jede Mutter, singt Lalilo und hüpft dazu, sitzt stundenlang im Sand und spielt Wauwau und Muh. Er freut sich, wenn eines der ersten Worte seines Kindes "Mapa" ist. Eigentlich fehlen ihm nur Gebärerlebnis und die Milchdrüsen.