Väter Ich habe einen Traum
Jan Josef Liefers, Sohn eines Regisseurs und einer Schauspielerin, wurde 1964 in Dresden geboren. Nach seiner Ausbildung an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch spielte er in Berlin am Deutschen Theater. Nach dem Mauerfall wechselte Liefers ans Hamburger Thalia Theater. Seine Filmkarriere begann 1989 mit der Defa-Produktion »Die Besteigung des Chimborazo«, sein Durchbruch folgte Mitte der neunziger Jahre in Til Schweigers »Knockin’ on Heaven’s Door« und Helmut Dietls »Rossini«. Liefers wurde zweimal mit dem Bayerischen Filmpreis und jüngst für seine Hauptrolle in »Das Wunder von Lengede« mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Er lebt mit der Schauspielerin Anna Loos und der gemeinsamen Tochter Lilly in Berlin. Hier träumt er unter anderem davon, zu erfahren, wie es ist, schwanger zu sein
Wenn ich selber Kinder kriegen könnte, hätte ich mit 17 schon welche gehabt. Ich wollte immer viele Kinder und eine große Familie. Wie die Karnickel. Oder die Sizilianer. Ich wusste das genauso sicher, wie ich immer schon Pfeife rauchen wollte. Dabei komme ich aus typischen Sechziger-siebziger-Jahre-Verhältnissen: Einzelkind, Eltern geschieden.
Meine Eltern haben sich voneinander verabschiedet, als ich drei war, mein Vater ging nach Berlin, und so bin ich praktisch nur mit Frauen groß geworden. Die sizilianischen Verhältnisse brachte meine Sauerbraten-Oma ein. Sie lebte in Dresden wie ich, war Witwe und verströmte bedingungslose Liebe und Vertrauen. Sie war die wunderbar kochende Mitte unseres Mini-Clans. Sie hätte alles getan für mich, und ich hätte alles tun können, ohne dass sie sich von mir abgewendet hätte.
Die Mutter meines Vaters lebt noch. Inzwischen ist sie auch Witwe. Trotz Scheidung fuhr ich in den Ferien, und wann immer es ging, weiter zu meinen Großeltern, als wäre nichts passiert.
Familie. Bis heute habe ich diesen Traum von meinen letzten Jahren zusammen mit meiner runzligen Frau unter irgendeiner südlichen Sonne, die die alten Knochen wärmt, umringt von den Kindern und hundert Enkeln, wie die Orgelpfeifen, laut und glücklich.
Es ist ein Traum: So wäre ich gern.
Meine erste Tochter bekam ich mit 24, damals war ich Schauspieler am Deutschen Theater in Berlin. Meine Freundin, eine Russin, war zur Entbindung nach Moskau gefahren, und als das Kind auf der Welt war, erfuhr ich das in der Pause einer Vorstellung, telefonisch. Jeder Kollege hat dann einen Schnaps mit mir getrunken – für die Kollegen war es jeweils nur einer, für mich so ungefähr zwanzig. Der Abend von Paulinas Geburt war der erste und einzige, an dem ich vollkommen betrunken Theater gespielt habe.
Nach reichlich einem Jahr haben ihre Mutter und ich uns getrennt. Seitdem besucht mich Paula in den Ferien und wann immer es geht. Sie fährt auch weiter zu meiner Mutter, so, als wäre nichts passiert.
Mein zweites Kind Leonard kam, als ich 33 war, ausgezogen bin ich drei Jahre später. Heute fahre ich zu ihm, wann immer es geht, wir verbringen drei schöne Tage, fast so, als wäre nichts passiert.
Das war nicht der Plan. Die Trennungen von den Kindern waren immer hart, verzweifelt und traurig. Auch heute habe ich jedes Mal ein flaues Gefühl im Bauch, es fühlt sich an wie schlechtes Gewissen, vermischt mit Heimweh und Schuldkomplexen.
Die Trennungen waren unausweichlich. Natürlich waren die Frauen schuld, jedenfalls zum größten Teil. Man kann ganz prächtig mit mir auskommen, auch ein Leben lang. Ich bin mit Frauen groß geworden, sie haben mich geprägt, ich habe keine Angst vor ihnen, und bis heute interessiere ich mich viel mehr für Frauen als für Männer. Frauen sind mir vertraut. Deshalb ist es erstaunlich, wie fremd sie mir manchmal werden können.
Jetzt gibt es wieder eine Chance. Es muss weitergehen, und warum sollte es nicht besser werden. Ich ändere mich wohl nicht mehr, aber ich kann vielleicht lernen. Lilly, meine jüngste Tochter, kam vor eineinhalb Jahren auf die Welt. Wie ihre Mutter Anna und ich uns das Leben hier einrichten, gefällt mir. Wir kommen gut voran als Vater und Mutter, Mann und Frau, nur manchmal gibt es Überschneidungen, dann stoßen wir mit den Köpfen zusammen, weil wir uns unbedingt gleichzeitig bücken müssen, um an derselben Schraube zu drehen.
Unsere Grabenkämpfe verlassen nie die Genfer Konventionen, sozusagen.
- Datum 13.05.2004 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Serie Traum
- Quelle (c) DIE ZEIT 13.05.2004 Nr.21
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







