Washington

Bilder haben die amerikanische Regierung in die Krise gestürzt. Bilder braucht sie nun, um wieder herauszufinden. Zum Beispiel den inszenierten Schulterschluss zwischen Präsident und Minister. Draum ist am Montagmorgen der Raum neben Donald Rumsfelds Amtszimmer im Pentagon sorgsam dekoriert, mit Saalwachen in blauer Uniform, mit Rednerpult und Flaggenmeer. Gegen halb zwölf fliegt die Tür auf, und der Präsident tritt hinter das Pult. Die Choreografie verlangt, dass der bedrängte Chef des Pentagon halb links hinter George W. Bush steht. "Herr Minister", sagt der Präsident steif und dreht sich dabei nach hinten, um des anderen Blick zu finden, "herzlichen Dank für Ihre Gastfreundschaft." Während Rumsfeld sich ehrerbietig verbeugt, kommt Bush schon zur Sache: "Und herzlichen Dank für Ihre Führung."

Eine ewige Frage spaltet Amerika in diesen Tagen: Sind für Gräueltaten während eines Krieges die unmittelbaren Täter verantwortlich, oder ist es eine Führung, die Auswüchse duldet oder sogar ermutigt? Zuletzt blieb die Frage während des Vietnam-Krieges ohne Antwort. Nun die Folterbilder aus dem US-Gefängnis Abu Ghraib. Waren da ein paar durchgeknallte Gefreite unterwegs, oder handelt es sich, wie Newsweek vermutet, um Enthüllungen aus "Amerikas Gulag"? Hat der Verteidigungsminister, wie der Harvard-Professor David Gergen argwöhnt, höchstselbst zu "einer Atmosphäre der Gesetzlosigkeit" im besetzten Irak beigetragen?

George W. Bush gibt am Montag im Pentagon seine Antwort. Er spricht nicht von Folter, sondern von "wenigen", die eine "ehrenhafte Sache" entwürdigt hätten. Alle Landsleute schätzten "die Güte und die Charakterstärke" der amerikanischen Truppen, weshalb er, Bush, "die Männer und Frauen in Uniform" wissen lassen wolle: "Amerika ist stolz auf euch." Damit hat er sich festgelegt. Mag der Bericht des Heeres von "systemhaften Problemen" sprechen, der Präsident erweist sich als Anhänger der Theorie von den faulen Äpfeln: Nur ein paar sind schlecht und alle anderen gesund.

Noch einmal dreht er sich zu Rumsfeld um und sagt: "Sie machen ihren Job hervorragend. Sie sind ein starker Verteidigungsminister." Damit hat George W. Bush eine weitere Entscheidung getroffen. Er verknüpft seinen eigenen Ruf, vielleicht seine politische Zukunft mit Rumsfeld. Zurücktreten müsste der Minister fortan aus eigenem Antrieb.

Der Präsident beweist Gespür für die Volksseele. Denn die mag keine Folterer, noch weniger aber hält sie Amerika für einen Folterstaat. Strafverfolgung soll es geben, aber in Grenzen. Die Älteren erinnern sich noch an den Fall William Calley, der 1971 von einem Kriegsgericht wegen Mordes verurteilt wurde. Der Leutnant hatte sich am Massaker an Zivilisten im vietnamesischen My Lai beteiligt. Zu seiner Verteidigung sagte er, Unterricht über die Genfer Konventionen habe er nie erhalten; wohl aber habe er gewusst, dass er wegen Befehlsverweigerung vor ein Kriegsgericht kommen könne. Am Tag nach der Verurteilung erhielt das Weiße Haus 50000 Protest-Telegramme. 79 Prozent der Amerikaner glaubten, das Urteil sei falsch. Präsident Nixon begnadigte den Kriegsverbrecher.

Heute wollen zwei Drittel der Amerikaner, dass Rumsfeld bleibt. Sie können sich nicht vorstellen, warum ein Minister in Washington dafür verantwortlich sein soll, was ein paar Reservisten nachts um zwei in Bagdad taten. Und sie mögen sich nicht vorstellen, dass es um mehr gehen könnte. Amerikas Militär ist eine Freiwilligenarmee. Wer dient, tut es zumeist, weil er glaubt, Amerika zu verteidigen und der Welt die Demokratie zu bringen. Erweisen sich die Übergriffe als Defekt des Systems oder gar als dessen Wesen, wird der Dienst der vielen entehrt. Und wer bewahrt sie vor dieser Schmach? Ihr Präsident.

Außerdem gibt es noch einige taktische Fragen. Solange nur die Opposition Rumsfelds Rücktritt fordert, ist dessen Job einigermaßen sicher: So lautet das Gesetz des Wahlkampfes. Müsste er gehen, würde der Irak-Krieg wie ein Fehlschlag aussehen und damit die ganze Präsidentschaft. Die Berufung eines Nachfolgers könnte im Wahljahr zum Albtraum werden. Die Senatsbestätigung würde sich hinziehen und wäre nicht ohne Generaldebatte über die Außenpolitik zu bekommen. Darum haben die Taktiker des Weißen Hauses übers Wochenende hineingehört in die eigene Partei, besonders in die Senatsfraktion, ob sich dort ein Aufstand gegen Rumsfeld anbahnt. Doch Rumsfeld scheint seinen Kopf einstweilen durch einen konzentrierten, beinahe demütigen Auftritt im Kongress gerettet zu haben.