Irak Nur keine Schwäche zeigenSeite 3/3
Jedenfalls hat der Skandal um Abu Ghraib die Debatte um die Erfolgschancen im Irak verändert. Plötzlich wird diskutiert, ob Amerika den Krieg verlieren könnte. Sogar den Befürwortern des Krieges kommen nun Zweifel. „Ohne radikales Handeln“, schreiben William Kristol und Bob Kagan im jüngsten Weekly Standard, „wird die Regierung das Scheitern nicht verhindern können.“ Die Skeptiker sind über diesen Punkt hinaus. „Abu Ghraib hat den amerikanischen Idealismus zur Farce verkommen lassen“, meint Joe Klein in Time. „Dieser Ort steht für all die perversen Konsequenzen einer Besatzung und all die moralischen Komplexitäten, die der Präsident vorzieht zu ignorieren.“
Den Umfragedaten vom Wochenende zufolge verfällt das Vertrauen in Bushs Irak-Politik. Eine Mehrheit ist inzwischen gegen den Krieg. Nur noch ein Drittel der Amerikaner glaubt, das Land werde „in die richtige Richtung“ geführt. Eine Mehrheit meint, George W. Bush verdiene „keine Wiederwahl“. Der Präsident kann nur aus einer Frage der Demoskopen Hoffnung schöpfen. Die ist freilich entscheidend: „Wen würden sie wählen?“ Da liegt Bush mit vier Prozentpunkten vorn.
Dieses Paradox erklärt Regierungsberaterin Mary Matalin: „Wenn der Irak das Problem ist, heißt die Antwort nicht John Kerry.“ So gering scheint das Vertrauen in den Demokraten derzeit zu sein, dass im Vergleich mit ihm sogar George W. Bush glänzend dasteht. Der Kandidat lässt die Regierungskrise ungenutzt verstreichen – und stürzt damit die Opposition in die Krise. Schon fragen die Kommentatoren: „Wo ist eigentlich John Kerry?“ Nun, der tingelt durchs Land. Diese Woche hat er seinem Reformvorschlag für die Krankenversorgung gewidmet. Seine Kommentare zum Folterskandal sind nicht mehr als pflichtgemäß und zudem, wie die New Republic meint, „konfus“: Manchmal macht er sich die Theorie von den faulen Äpfeln zu Eigen und spricht von „ein paar amerikanischen Soldaten“, die sich „unter bestimmten Umständen absolut unakzeptabel“ verhalten hätten. Im nächsten Moment scheint Kerry auf die Theorie vom systemhaften Missstand einzuschwenken. Dann fordert er, „die Befehlskette nach oben zu verfolgen“. Das Wort „Kriegsverbrechen“ hat auch Kerry noch nicht benutzt.
Das hat er früher einmal getan, 1971, nach dem Prozess um das Massaker von My Lai. Damals sagte er: „Leutnant Calley mag tatsächlich ein Mörder sein, aber das Urteil trifft nicht den wirklichen Kriminellen. Alle, die wir in Vietnam dienten, wissen, wer wirklich schuldig ist: die Vereinigten Staaten von Amerika.“ Bald darauf verlor er seinen ersten Wahlkampf um einen Sitz im Abgeordnetenhaus.
Hinter Kerrys Zaudern verbirgt sich auch ein strategisches Dilemma. Seine Irak-Politik ist nur im Kleingedruckten von jener George W. Bushs zu unterscheiden. Beide wollen die Machtübergabe am 30. Juni, beide wollen notfalls mehr Truppen schicken, beide wollen die Rolle von Nato und UN vergrößern. Denn Kerry folgt dem Erfolgsrezept von Bill Clinton, Wahlen in der Mitte zu gewinnen. Doch spätestens seit dem Skandal um Abu Ghraib wächst die Zahl jener, die nur noch eins wollen: raus aus dem Irak. Ihr Anteil liegt schon bei gut 40 Prozent der Wähler. Sie fühlen sich von keinem der beiden Kandidaten vertreten. Manche Analytiker glauben, dass nur gewinnen kann, wer einen Abzugstermin aus dem Irak nennt.
Einer hat das schon getan: Ralph Nader, der dritte Mann. Bis vor kurzem schien dessen Kandidatur bedeutungslos zu sein. Plötzlich aber verfängt sein Argument, wonach Bush und Kerry politische Zwillinge seien. In den Umfragen liegt Nader bei fünf Prozent. Das wäre wohl genug, Bush zu einer zweiten Amtszeit zu verhelfen. Der Friedensflügel der Demokraten verlangt nun, dass Kerry den Abzug der Truppen in Aussicht stellt. Die New Yorker Szenezeitung Village Voice hat eine andere Lösung parat: „John Kerry muss weg“. Die Demokraten sollten die Delegierten ihres Nominierungsparteitages von ihrem imperativen Mandat entbinden.
John Kerry ist jetzt erst einmal abgetaucht. Eine Minderheit der politischen Strategen findet, das sei nicht unbedingt von Nachteil. Die Wahl werde ohnehin zu einem Plebiszit über die Amtsführung George W. Bushs. Kerry dürfe blass bleiben, solange Bush seine Präsidentschaft im Irak eigenhändig zugrunde richte. Nur eins dürfe Kerry nicht tun, frotzelt der Talkmaster Don Imus. Er solle das Missgeschick vom vergangenen Wochenende nicht wiederholen und „vor Kameras vom Fahrrad fallen“. Wer am Boden liegt, den wählt das Volk nicht zum Präsidenten.
- Datum 13.05.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 13.05.2004 Nr.21
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