Ein nicht mehr ganz junger, graubiederer Mann wacht an einem kalten Februartag auf, fährt zum Bahnhof, um den Pendlerzug zur Arbeit zu nehmen, und wird zu seiner eigenen Verwunderung von dem Drang überfallen, blau zu machen und ans Meer zu fahren. Als er dort sein Tagebuch zur Hand nimmt, stellt er fest, dass etliche Blätter fehlen. Er kann sich jedoch nicht daran erinnern, sie herausgerissen zu haben. Fast scheint es, als seien die letzten zwei Jahre seines Lebens einfach verschwunden.

Mit diesen Szenen beginnt Michel Gondrys Film Vergiss mein nicht!, und doch sind wir schon fast am Ende der Geschichte: Die Abfolge des Erzählens hat mit der Abfolge des Erzählten nicht das Geringste zu tun. Bis wir dies aber durchschaut haben, hat das Drehbuch von Charlie Kaufman (Being John Malkovich, Adaption) schon so viele Zeitpurzelbäume rückwärts und vorwärts geschlagen, dass uns der Kopf vor lauter Chronos-Chaos schwirrt.

Erst nach und nach wird einiges klar: dass es unseren einsamen, verklemmten Helden (Jim Carrey) ans Meer zieht, weil er dort vor zwei Jahren seine Traumfrau (Kate Winslet) kennen gelernt hat. Dass er die Blätter herausgerissen hat, um nicht mehr an ihre stürmische Beziehung erinnert zu werden. Und dass er all das komplett vergessen hat, weil er jedes Detail dieser gescheiterten Liebesgeschichte mit Hilfe eines High-Tech-Verfahrens aus seinem Kopf löschen ließ.

Wir sind gewohnt, dass Filme eine Erzählgegenwart etablieren, von der aus wir Zeitachsen in die Vergangenheit und Zukunft legen können. Solange wir uns an einem chronologischen Ariadnefaden festklammern können, wirft uns selbst die gelegentliche Rück- oder Vorblende, Ellipse, Raffung oder Parallelführung nicht aus der Verstehensbahn. Im Kopf des Zuschauers wird das Gesehene permanent zu einer Einheit aus Zeit, Raum und Kausalität verknüpft – zu einer Geschichte eben.

Diese wunderbare Gewissheit des Chronologischen geht uns jedoch gerade flöten. Immer häufiger legen Filme die gewohnte zeitliche Ordnung in Trümmer. Gaspar Noés Rachedrama Irreversible dreht seine grausame Geschichte gänzlich um; in Christopher Nolans Gedächtnisverlustthriller Memento treffen sich kurz vor dem Ende zwei Handlungsstränge – der eine war vorwärts, der andere rückwärts erzählt worden. Cameron Crowes Albtraumfabel Vanilla Sky, die grimmige Schuld-und-Sühne-Meditation 21 Gramm von Alejandro González Iñárritu oder nun eben Vergiss mein nicht! verweigern sich konsequent dem chronologischen "Und dann?". Die Zeit wird zur frei flottierenden Größe.

So blockieren die Filme jede schnelle Entzifferung des Handlungszusammenhangs. Vielmehr schicken sie den Zuschauer auf eine Art kognitive Schnitzeljagd: Er muss Indizien sammeln, Spuren sichern, Zeichen lesen und selbst alles zu einer Story fügen. Seit wann fehlen die Tagebuchblätter? An welchem Tag fährt der Held ans Meer? Der Betrachter wird zum Sherlock Holmes vor der Leinwand. Memento und Vanilla Sky erzählen denn auch, parallel zur detektivischen Recherche des Betrachters, von den verzweifelten Versuchen ihrer Helden, ihre eigenen Fallgeschichten aufzuklären: Ihnen ist die Handlung ihres Lebens abhanden gekommen. Die Zeit hat sich entwirklicht, die Wirklichkeit entzeitlicht.

Natürlich sind solche Verwirrspiele nicht neu – im Avantgarde- und Kunstkino ist die Linearität der Zeit immer wieder zersplittert worden, man denke an Alain Resnais’ Letztes Jahr in Marienbad, an David Lynchs Lost Highway und Mulholland Drive oder an Hana-Bi von Takeshi Kitano. Die neuen Filme jedoch gehören zum mehr oder weniger kommerziellen Hauptstrom des Kinos. Man kann sie dafür rühmen, dass sie eine offene, fragmentarische Form pflegen, dass sie die Spuren ihrer Herstellung am Schneidetisch bloßlegen, dass sie das Kino als Zeitmaschine reflektieren, den Zuschauer entsprechend auf ästhetische Distanz halten, ihn zwingen, sich mit den Bedingungen seiner Wahrnehmung auseinander setzen. Das kann man. Aber damit macht man es sich zu einfach.

Trotz aller Irritationen wollen diese neuen Filme nicht nur zum Denken anhalten, sondern vor allem zum Fühlen verführen. Sie erzählen hochdramatische Geschichten, und der Zusammenbruch der Zeitordnung fungiert weniger als Modus der guten alten Verfremdung denn als Methode, den Zuschauer das emotionale Chaos der Filmfiguren nacherleben zu lassen. Ein guter Detektiv muss sich immer in diejenigen hineinversetzen, deren Fall er aufklären will.