kino Wie die Liebe aus dem Tagebuch verschwandSeite 2/2

Was in diesen Filmen zerstört wird, ist die Verbindlichkeit einer objektiven, äußeren, sozusagen geschichtlichen Zeit. An ihre Stelle tritt ein inneres Zeiterleben, das eben nicht geradlinig und unumkehrbar von der Vergangenheit in die Zukunft verläuft, sondern Wiederholungen, Überlappungen, Brüche und Leerstellen kennt. Einige der Filme kreisen explizit um das Phänomen der Erinnerung: In Memento hat der Held sein Kurzzeitgedächtnis verloren, in Vanilla Sky fehlt Tom Cruise die Erinnerung an einen Mord, den er begangen haben soll, und Michel Gondrys Vergiss mein nicht! spielt teilweise im Kopf seines Helden, der verbissen darum kämpft, die Bilder seiner Geliebten zu bewahren, deren Löschung er selbst in Auftrag gegeben hatte.

Immer sind es traumatische Erfahrungen von Schmerz, Schuld, Verletzung oder Verlust, welche die Figuren aus ihrer Kongruenz mit der objektiven Zeit herausgeschleudert haben. Sie ticken buchstäblich nicht mehr richtig. Und genau diese Verstörung reproduzieren die Filme in ihren Zeitverwerfungen. In der Zersplitterung bildet sich eine tiefere psychische Wahrheit des Erlebens ab: Zeitkrise ist immer Identitätskrise. Zugleich lassen die Filme den Zuschauer das Gefühl der Verlorenheit anhand seiner eigenen Seherfahrung durchleben. Es entsteht eine Art Identifikation zweiter Ordnung.

Als Tribut an den Mainstream, in dem sie sich bewegen, achten diese Filme darauf, dass die Verstörung am Ende aufgehoben wird. Es gibt eine „logische“, wenn auch gelegentlich bizarre Erklärung für das Geschehene, alles fügt sich letztlich doch zu einer geschlossenen Chronologie, die Figuren werden wieder Herr ihrer Zeit und ihrer Geschichte. Der traurige Held von Vergiss mein nicht! erfährt, dass er seine Erinnerung selbst hat tilgen lassen, und kann aus freiem Willen einen neuen Anfang wagen. Vielleicht ist das noch kein eindeutiges Happy Ending, doch der Detektiv vor der Leinwand kann seinen gelösten Fall erleichtert zu den Akten legen.

Immer wieder hat das Kino avantgardistische Strömungen aufgesogen und für seine ureigene Form des Entertainments zu nutzen gewusst. Es hat sich seine Zuschauer erzogen, sie im Laufe der Jahrzehnte gelehrt, zunehmend komplexe Formen des filmischen Erzählens zu verstehen. Noch wirkt der Bruch der Chronologie anstrengend, selbst wenn wir uns in einer benachbarten Bilderwelt, den Videoclips, längst an wacklige Raum-, Zeit- und Kausalitätsverhältnisse gewöhnt haben. Ohne den Einfluss dieser sprunghaft-atmosphärischen Clipästhetik wären die gegenwärtigen Filme nicht denkbar und nicht verstehbar. Im Augenblick kann das Kino die Irritation der Zeitbrüche einsetzen, um Welten der Verstörung und Verlorenheit zu beschwören. Das wird sich abnutzen, zur Wahrnehmungskonvention werden. Es ist nur eine Frage der Zeit.

 
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