Von kommunizierenden Bildern

Das Drama Die Letzten Tage der Menschheit von Karl Kraus ist vor allem eine Montage aus Zitaten, aus Wörtern, Sätzen und Tönen, die in der Zeit des Ersten Weltkriegs wirklich zu hören waren. So heißt es im Vorwort, "die grellsten Erfindungen sind Zitate", und danach sagt Kraus, charakteristisch für sein Konzept von Phrase und Wirklichkeit: "Phrasen stehen auf zwei Beinen - Menschen behielten nur eines." Berthold Viertel, ein Zeitgenosse jenes Weltkriegs, der für uns höchstens eine dramatische Vergangenheit zu sein scheint, schrieb über Die Letzten Tage: "Und wo immer man sich in dieses Werk einlässt, man kommt immer in die Lage, spontan auszurufen: Nein, es ist doch nicht von Karl Kraus! Es ist von uns." Kraus selbst hat gern darauf aufmerksam gemacht, dass das Publikum die eigenen Taten erst dann erlebt, wenn er sie zitiert. Als Sprachkünstler ist dieser Satiriker, dessen Schriften heute in einer Werkausgabe in der Suhrkamp-Taschenbuch-Reihe erschienen sind, oft und nicht zuletzt der Letzten Tage wegen gerühmt worden.

Die Letzten Tage der Menschheit von Karl Kraus beginnen aber mit keinem Wort, mit keinem Satz, mit keinem Ton - sie beginnen mit einem Bild: Da sieht man einen die Szene überragenden, äußerst zufriedenen Henker, unter ihm sein Werk, der Gehenkte. Um die beiden Träger der Hauptrollen herum haben sich zivile Menschen versammelt und einige Uniformierte. Die Fotografie strahlt das Behagen der Überlebenden aus, die einen Toten einkreisen - es war Dr.

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Cesare Battisti, ein Triestiner Reichsratsabgeordneter, 1916 hingerichtet wegen Hochverrats, und auch der Scharfrichter ist bekannt: Josef Lang. Die Fotografie war als Postkarte verbreitet.

Ulrich Raulff hat die Augen dafür geöffnet, warum ein Bild aus dem Jahre 1916 ähnlich aussehen kann wie eines aus einem Krieg des Jahres 2004. Es gibt, so Raulff, eine Osmose der Bilder: "Auf verborgenen Wegen, in geheimen Kanälen kommunizieren die Bilder miteinander, teilen sich ihre Temperatur mit, tauschen ihre Botenstoffe aus, infizieren einander." In der Szene aus dem Gefängnis Abu Ghraib steht hinter den Körperbergen eine ihrerseits kniende Frau - sie ist auf derselben Höhe wie die Erniedrigten. Hinter ihr aber steht aufrecht, alles überragend, ein Mann mit verschränkten Armen, er hat sein Werk getan und kann jetzt gut lachen: Dieser Mann spielt ganz unvermutet auf seinem Bild die Rolle des Scharfrichters Lang. Das alte Europa und die USA sind für den Moment des Klickens einer Kamera zusammengewachsen. Der Witz ist, dass die Souveränität der Bilder, ihre Eigengesetzlichkeit gegenüber Deutungen resistent bleibt. Aus welchen psychologischen Gründen auch immer Teilnehmer an historischen Gewaltakten ein Bild davon mitnehmen möchten - eines, das sie mittendrin zeigt -, die Bilder selbst bilden ihre eigene Tradition. Es scheint, als hätte der Sprachkünstler Karl Kraus als Erster die autonome, viel mehr als tausend Worte sagende Ästhetik des nicht zuletzt kriegstauglichen Bildes durchschaut.

Im Nachkrieg machte Karl Kraus eine Erfahrung, auf die er ebenso erschrocken wie mutig reagierte: "Aus dem Blutdunst einer Epoche, die den Heldentod als Vorwand zum Betrug an der Menschheit gebraucht hat, ist ein Raubtiergesicht aufgestiegen, ein nachsintflutliches Ungeheuer ..." Es ist ein Ungeheuer, beschönigend "Boulevard" genannt, das in schriftlicher und televisionärer Form heute zum Alltag gehört. Gelegentlich entsteht das Gefühl, dass es noch in aller Ungeheuerlichkeit präsent ist. Als sich jüngst in einigen Blättern die Ansicht erhob, ein demenzkranker, in einem Heim untergebrachter, einst erfolgreicher Unterhaltungskünstler möge doch zu seinem Geburtstag wieder vor der Fernsehkamera erscheinen - "er habe sich doch von seinem Publikum nie wirklich verabschieden können" -, da sah man wieder der alten Gemeinheit ins Antlitz, die Karl Kraus an ihrem historischen Ursprung kennen lernte. Die Stunde des Gerichts heißt ein Band mit den Aufsätzen von Karl Kraus aus den Jahren 1925 bis 1928. Er enthält seine Polemik gegen Emmerich Bekessy, den Herausgeber einer Zeitung einschlägigen Typs: Menschenverachtung bei gleichzeitigem Einschleimen ins Publikum, Parasitieren von öffentlichkeitsunwürdigen Privatheiten, "ein prinzipielles Fallotentum, das weder Ehrfurcht noch Rücksicht auf irgendeine Tatsache des Lebens und Sterbens kennt".

Karl Kraus: Die letzten Tage der Menschheit

Schriften Band 10 - hrsg. von Christian Wagenknecht - st 1320, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2003 - 842 S., 16,- e

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