Kämpfen klingt anders. Wer aus unserer Armee eine Berufsarmee machen wolle, sagte der Verteidigungsminister Ende April lakonisch, der müsse dem Verteidigungsministerium viel Geld geben. Peter Struck (SPD) kommentierte damit ein Urteil des Kölner Verwaltungsgerichts, das die Einberufungspraxis der Bundeswehr für willkürlich erklärt hat. Vertreter von Jusos, FDP und Grünen äußerten sich beredter: Die Wehrpflicht sei "am Ende". Es gebe zwar "Versuche, sie vor den Gerichten noch zu retten", sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen-Bundestagsfraktion, Volker Beck, doch ihre Tage seien verfassungsrechtlich gezählt. Allerdings: Sind derartige Argumente nicht schon wieder überholt angesichts des höchst unprofessionellen Verhaltens amerikanischer Berufssoldaten im Irak?

Die traditionellen Gegner jedes "Zwangsdienstes" treffen sich in ihrer Genugtuung über das scheinbar unausweichliche Ende der Wehrpflicht kurioserweise mit den Befürwortern einer Allgemeinen Dienstpflicht. Die Dienstpflicht soll für junge Männer und Frauen gelten und vor allem jene Lücke schließen, die durch den mit dem Wehrdienst ebenfalls wegfallenden Zivildienst gerissen würde. Die Verfassungsmäßigkeit eines solchen Modells ist freilich zweifelhaft.

In vielen Kommentierungen wird die Wehrpflichtigenarmee inzwischen als etwas Gestriges betrachtet. Wer Zweifel daran äußert, ob eine Entwicklung der Bundeswehr zum "globalen Militärdienstleister" (Der Spiegel) gesellschaftlich wünschenswert ist, wird schnell zum Vertreter des "praktizierten Reformstaus" (Süddeutsche Zeitung).

Der Haupteinwand gegen den Erhalt der Wehrpflicht hat erhebliches Gewicht: Es ist der Vorwurf, zu viele taugliche junge Männer müssten ihren Dienst gar nicht erst antreten. Die rot-grüne Koalition führt diesen Zustand geradezu systematisch herbei. Dabei entsteht die Schieflage bei der Wehrgerechtigkeit im Augenblick eher auf der Zivil- als auf der Waffendienstseite. Heute leisten von rund 420000 jungen Männern eines Jahrgangs 120000 Dienst in der Bundeswehr: im neunmonatigen Grundwehrdienst, als freiwillig Längerdienende und als Zeitsoldaten. 160000 Männer verweigern; 70000 sind nicht diensttauglich; 12000 leisten Dienst bei Polizei und Bundesgrenzschutz oder Ersatzdienst in Feuerwehren und Technischem Hilfswerk. Könnten alle Verweigerer tatsächlich eine Zivildienststelle antreten, ließe sich kaum von mangelnder Gerechtigkeit sprechen: Aus Rücksicht auf den grünen Koalitionspartner haben die Regierungsparteien jedoch im Koalitionsvertrag festgelegt, dass es nicht mehr Zivil- als tatsächlich Wehrdienstleistende geben darf. Zurzeit sind es sogar deutlich weniger, 95000. Zudem ist die Einberufung von Zivis für die Träger sozialer Einrichtungen materiell unattraktiver geworden, seit die Bundeszuschüsse für Zivildienststellen drastisch gekürzt wurden.

Die Bundeswehr hat außerdem ihre Einberufungskriterien in fragwürdiger Weise verändert: Zur Truppe einrücken muss ab sofort nicht mehr, wer älter als 23 Jahre, verheiratet oder "tauglich 3" gemustert ist. Das schließt etwa den Handball-Nationalspieler mit Zahnspange aus. Da die Armee bis zum Jahr 2010 von 280000 auf 250000 Mann reduziert werden soll, bestehe ein geringerer Bedarf an Grundwehrdienstleistenden, heißt es: Nur noch 55000 Dienstposten sind künftig für sie vorgesehen. Darauf könnten, da der Wehrdienst neun Monate dauert, etwa 70000 junge Männer eines Jahrgangs verteilt werden – zu wenige, um die Gerechtigkeitsfrage, auch in Anbetracht des rückläufigen Zivildienstes, dann noch positiv beantworten zu können.

Der "Bedarf" von 55000 Dienstposten ist allerdings Definitionssache; der verteidigungspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Christian Schmidt (CSU), fordert 25000 Stellen mehr und will die Rekruten auch für den Heimatschutz, zum Beispiel im Falle von Terrorangriffen, ausbilden. Die Festlegung neuer Aufgaben für Wehrdienstleistende ist eine Strategie zur Rettung der Wehrpflicht. Eine andere vertritt der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses des Bundestages, Reinhold Robbe (SPD). Er will den Wehrdienst auf sechs oder sieben Monate verkürzen. Militärs halten dies für die unterste Grenze einer seriösen Ausbildung.

"An der Debatte ist vor allem dasGerede über die angeblich bessere, professionellere Berufsarmee blödsinnig", sagt der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Oberst Bernhard Gertz: "Was passieren kann, wenn eine bestimmt Art von ,Professionalität‘ am Werk ist, konnten wir schließlich gerade im Irak besichtigen. Bei uns urteilen Soldaten selbstständig, sie kennen ihre Grenzen, können mit Menschen umgehen – das ist für mich professionell."

Flottillenadmiral Wolfgang Kalähne, der im vergangenen Jahr den Einsatz deutscher Soldaten am Horn von Afrika befehligte, machte gute Erfahrungen mit Wehrpflichtigen, die für Auslandseinsätze freiwillig länger dienen: "Sie entlasten qualifiziert das Führungspersonal. Und wir müssen sie nicht zu den Einsätzen zwingen." Mehr als 40 Prozent der Längerdienenden würden aus dem Kreis der Grundwehrdienstleistenden rekrutiert: "Sie sind unsere Qualitätssicherung", sagt Kalähne. Die Erfahrungen der Nachbarn, etwa Spaniens und Frankreichs, zeigten, dass eine Freiwilligenarmee den Staat deutlich teurer käme als eine Wehrpflichtarmee, sagt Christian Schmidt. "Wir bräuchten ein klares Bekenntnis zur Wehrpflicht. Aber Schröder und Struck tun nichts und werden am Ende ihre Hände in Unschuld waschen, wenn die Wehrpflicht scheitert."