In seinem Buch Tor zur Welt - Fußball als Realitätsmodell hat Klaus Theweleit, Professor für Kunst und Theorie, eine neue Regel für der Deutschen Lieblingsspiel aufgestellt: "Wer mitbekommt, was sich im Fußball wann und wie verschiebt, ist über andere Gesellschaftsbereiche osmotisch informiert." Werder Bremen ist soeben Deutscher Meister geworden, mit einem demonstrativen Sieg beim ärgsten Rivalen, den Bayern aus München. Und was heißt das jetzt für den Fußball, die Gesellschaft, für uns alle? Dass die Durchökonomisierung unserer Gefühle zu Ende geht.

Die Bayern haben ja nicht nur überall Spieler eingekauft, sondern auch noch mit der Hypo-Vereinsbank eine Geldanlage aufgelegt, die bei Erfolg auf dem Platz mehr Zinsen verspricht. Für diese Überheblichkeit hasst man den Verein republikweit, und jetzt hat er die Quittung bekommen. Auch für die anderen europäischen Geldmaschinen wie Real Madrid oder Manchester United gab es in diesem Jahr nichts zu gewinnen - viel Gewinn, nichts gewonnen. Das Spiel zivilisiert den Kapitalismus.

Und noch eine These von Theweleit hat sich bewahrheitet: Die Zeit der Führungsspieler ist vorbei - wer Oliver Kahn und Michael Ballack zum wiederholten Mal hinter dem Ball herkrabbeln und -traben sah, wird daran keinen Zweifel mehr hegen. Das internationale, titanenlose Kollektiv aus Bremen ist das zukunftsträchtigere Modell. Was das fürs Land der Wahlen und der WM 2006 heißt: Müntes Truppe kann wieder hoffen.