Die Daily News sah finstere Zeiten heraufziehen, ja, einen neuen Bürgerkrieg. Die Erde des Südens, schrieb das für seine Rassenhetze bekannte Blatt aus Jackson, Mississippi, im tiefen Süden der USA, könnte bald wieder mit Blut getränkt sein, denn die Südstaatler würden sich gegen "Mischehen" und die "Bastardisierung der menschlichen Rasse" wehren müssen. Dieses Blut werde bis nach Washington spritzen, auf die "marmornen Stufen" des Obersten Gerichtshofes der Vereinigten Staaten.

Dieser hatte am Vortag, dem 17.Mai 1954, ein mit Spannung erwartetes Urteil verkündet, das unter dem Namen "Brown versus Board of Education of Topeka, Kansas" amerikanische Rechtsgeschichte schrieb und das als die wohl wichtigste und zugleich umstrittenste Entscheidung des Gerichts im 20. Jahrhundert gilt. Es leitete das Ende des institutionellen Rassismus in Amerika ein, ein Ende, das viele weiße Amerikaner freilich erst nach heftigem und oft gewalttätigem Widerstand akzeptierten.

Oliver Brown, ein schwarzer Schweißer und Kriegsveteran aus Topeka, Kansas, und vier weitere Eltern hatten dagegen geklagt, dass ihre Kinder durch die (in 21 Bundesstaaten entweder vorgeschriebene oder erlaubte) Rassentrennung im öffentlichen Schulwesen in ihrem verfassungsmäßigen Recht auf gleiche Bildungs- und Lebenschancen verletzt würden. Und tatsächlich gab ihnen der Vorsitzende Richter Earl Warren in seiner Begründung des einstimmigen Urteils Recht: Die Rassentrennung in den Schulen verstoße gegen den 14.Zusatz zur US-Bundesverfassung, der allen Bürgern die Gleichheit vor dem Gesetz garantiert. Unabhängig davon, ob die schwarzen und weißen Schulen dieselben Qualitätsstandards erfüllten, führte Warren aus, erzeuge die erzwungene Absonderung der schwarzen Schulkinder von ihren weißen Altersgenossen in jenen ein Minderwertigkeitsgefühl, das ihre geistige Entwicklung hemme und sie somit gleicher Chancen beraube. Die Rassentrennung im Bildungswesen sei "ihrem Wesen nach ungleich", inherently unequal, wie die berühmte Formulierung lautete.

Damit brachen die Obersten Richter erstmals mit einer Theorie, die ihre Vorgänger 1896 im Verfahren "Plessy versus Ferguson" formuliert hatten. Damals hatte das höchste Gericht den Einzelstaaten das Recht zugesprochen, die Rassentrennung im öffentlichen Leben – es ging um die Benutzung der Bahn – zwingend vorzuschreiben, solange die Einrichtungen für Weiße und Schwarze gleichwertig seien. Mit dieser separate, but equal- Doktrin verlieh das Gericht einem Apartheidsregime verfassungsrechtliche Weihen, das in schreiendem Widerspruch zum amerikanischen Ethos der Freiheit und Gleichheit stand. Nur ein einziger Richter, John Marshall Harlan, ein Nachfahre von Sklavenhaltern, widersetzte sich. Die Verfassung, schrieb Harlan, sei "farbenblind" und dulde keine Unterscheidung nach "überlegenen" Rassen oder Klassen. Die Entscheidung werde den 14. Verfassungszusatz, der 1868 verabschiedet worden war, um den befreiten Sklaven die gleichen Bürgerrechte zu sichern, zur Makulatur machen und die schwarzen Amerikaner mit dem Stigma der Minderwertigkeit zeichnen.

Harlans Worte erwiesen sich als prophetisch. Zwar war die Rassentrennung schon lange gewohnheitsrechtlich praktiziert worden, aber jetzt wurde sie vor allem in den Südstaaten, wo rund 90 Prozent der Schwarzen lebten, zur Regel. Zusammen mit der Entrechtung der schwarzen Südstaatler durch diskriminierende Wahlgesetze wurde die so genannte Segregation zum Fundament eines Regimes der "weißen Vorherrschaft", das in vielem der 1865 abgeschafften Sklaverei ähnelte. Dabei erschien die strikte Trennung der Rassen vielen als eine durchaus fortschrittliche Lösung der "Negerfrage", die den "natürlichen Instinkten" der Menschen entspräche und zudem verhinderte, dass die weiße Lynchjustiz gegen Schwarze überhand nähme.

Die Rassenschranke regierte bald alle Lebensbereiche. In Wartehallen, Zügen und Bussen, Restaurants, Hotels, Parks, Theatern, Sportstätten, Büchereien – wo immer sie sich aufhielten, wiesen Schilder mit der Aufschrift "Whites only" oder "Colored" den Afroamerikanern ihren Platz zu. Die separate, but equal- Doktrin war dabei nur ein fadenscheiniger Vorwand, denn es ging nicht um die bloße physische Trennung der Rassen, sondern um die Stigmatisierung und Entrechtung der Schwarzen, denen nahezu jede Teilnahme am politischen Leben sowie der Zugang zu Bildung und wirtschaftlichem Aufstieg verweigert wurde. Entweder gab es überhaupt keine Schulen für Afroamerikaner, oder sie waren auf eklatante Weise minderwertig.

Die Schwarzen waren gezwungen, sich in der weißen Vorherrschaft einzurichten und ihre eigene Parallelgesellschaft zu schaffen. Doch obwohl sie nach außen hin eine Maske der Unterwürfigkeit tragen mussten, blieb der Protest immer lebendig. Vor allem die 1909 gegründete National Association for the Advancement of Colored People, die NAACP, nahm den Kampf auf. Gegen eine Justiz, die (vor allem in den Südstaaten) vom rassistischen Zeitgeist geprägt war, versuchte die NAACP, die verfassungsmäßigen Rechte der schwarzen Minderheit auf dem Klageweg durchzusetzen.

In den Südstaaten sind viele Schulen für schwarze Kinder bloß Bretterbuden