Im Vorfeld des Irak-Kriegs stand Hans Blix, der ehemalige Chef der UN-Waffeninspektoren, im Mittelpunkt des Interesses der Weltöffentlichkeit. Zusammen mit seinem Team hatte er im Irak nach Bio-, Chemie- und Atomwaffen gesucht, aber nicht gefunden. US-Außenminister Colin Powell legte am 5. Februar 2003 dem UN-Sicherheitsrat schließlich eigene, in seinen Augen stichhaltige Beweise für die Existenz von irakischen Massenvernichtungswaffen vor. Für Hans Blix wäre es interessant, wenn die US-Regierung heute alle präsentierten Fakten erneut kommentieren würde. Denn „dies war sicherlich keine gute Arbeit der Geheimdienste“.

Auch sonst hält sich Blix mit Kritik an den amerikanischen und britischen Geheimdiensten nicht zurück. Viele der falschen Informationen stammten offenbar von irakischen Überläufern, denen es vor allem um die Befreiung ihres Landes und um den Krieg, nicht aber um die Inspektionen gegangen wäre. Man hätte also die erlangten Informationen kritischer durchleuchten müssen. Dass Bush und Blair bis zuletzt aufrichtig davon überzeugt gewesen seien, im Irak Massenvernichtungswaffen zu finden, daran hege er keinen Zweifel. Allerdings, so Blix, „hätten sie ihre Meinung kritischer durchdenken müssen, bevor sie sich auf ihre Position festgelegt haben.“

Er selbst sei schon im Mai 2003 davon überzeugt gewesen, dass das Saddam-Regime keinerlei Massenvernichtungswaffen besessen hätte. „Schon 1991 wurden die meisten der B- und C-Waffen durch die Iraker zerstört und die nachfolgenden Waffeninspektionen haben sie davon abgehalten, die Produktion im Laufe der 90er Jahre wieder aufzunehmen. Es gibt zudem keinerlei Beweise dafür, dass Saddam diesen Kurs geändert hätte oder dass Waffen außer Landes transportiert worden sind“. Auch hinsichtlich des irakischen Atomwaffenpotentials vertraut Hans Blix ganz auf die Erkenntnisse der multilateralen Institutionen: „Die IAEA zeigte schon 1997, dass die irakische Regierung nicht über die nötige Infrastruktur verfügte, um angereichertes Uran oder Plutonium herzustellen. Auf keinem anderen als auf dem Gebiet der Atomwaffen gab es eine größere Gewissheit, dass die Iraker dafür keine Kapazitäten zur Verfügung hatten. Die USA versuchten jedoch, das Gegenteil zu behaupten.“

So wie die vergebliche Suche nach Massenvernichtungswaffen, so seien viele Beweggründe und Hoffnungen, die die US-Führung an diesen Krieg geheftet hätten, nicht verwirklicht worden: keine Massenvernichtungswaffen, keine Abschreckung der Terroristen – „eher die Schaffung einer neuen Brutstätte für den Terrorismus“ – und bis jetzt auch kein Fortschritt in Richtung einer funktionierenden Demokratie sowie keinerlei Hinweise darauf, dass der Irak in Fragen der Proliferation Einfluss auf den Iran oder Nord-Korea gehabt habe. Dennoch: „Saddam Hussein war zwar keine Gefahr für die ganze Welt. Er war auch keine Gefahr für seine Nachbarn. Er war aber eine Gefahr für Israel und für sein eigenes Volk. Er war der Horror und es ist unbestreitbar ein Gewinn dieses Kriegs, dass sein Regime beendet wurde.“

Angesichts der Halbwahrheiten und Missverständnisse im Vorfeld des Irak-Kriegs müsse man auch die Rolle und die Zukunft der UNO bedenken und ihre Position neu bestimmen: „Die UNO wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gegründet und bedarf vielerlei Reformen. Dies sollte man auch nicht ignorieren. Doch es ist die einzige UNO, die wir haben, und wir sollten bedenken: die UN-Friedensbewahrung ist sehr viel billiger und menschlicher als bewaffnete Aktionen.“ Gerade auch die chaotischen Verhältnisse im Irak erforderten eine stärkere Rolle der UNO: „Sie genießt immer noch eine hohe Glaubwürdigkeit in der öffentlichen Meinung der Iraker. Sobald man die UN-Truppen aber als Helfershelfer der USA ansieht, würden sie ihre Position als ehrliche Vermittler verlieren.“ Die Frage nach der Autorität des Sicherheitsrats – auch im Hinblick auf zukünftig zu treffende Entscheidungen – beantwortete Blix mit einer Gegenfrage: „Sicherlich, die Autorität des UN-Sicherheitsrates wurde durch die Invasion des Iraks durch US-amerikanische und britische Soldaten unterminiert. Die Mehrzahl der Mitglieder des Sicherheitsrates hatte ja dagegen gestimmt. Und doch: Die Mehrheit hat Recht behalten. Wie würden wir heute den Sicherheitsrat bewerten, wenn er den Krieg autorisiert hätte?“

Im Zusammenhang mit dem Nachkriegs-Irak müsse die Politik aber auch den gesamten Mittleren Osten im Auge behalten. Im Hinblick auf die inoffizielle Atommacht Israel gebe es aber auch hier nur ein klares Ziel: „Ein Mittlerer Osten ohne Massenvernichtungswaffen.“ Nord-Korea sei aber der gegenwärtig bedrohlichste Fall von Proliferation. Die nordkoreanische Führung habe Plutonium und sie würde noch mehr davon produzieren. Außerdem hätte sie Raketen, um ihre Atomwaffen zu befördern – die internationale Staatengemeinschaft müsse also reagieren. „Die multilaterale Annäherung an diese Diktatur seitens der USA, Russland, China, Japan und Süd-Korea ist dabei genau richtig. Nord-Korea braucht die Zusicherung, dass es von niemandem angegriffen wird. Aber es braucht auch Hilfe in Fragen von Öl und Nahrung. Ich denke also, wir sind mit der Politik der Eindämmung und Annäherung auf dem richtigen Weg.“

Diplomatische Annäherung und politische Lösungen stehen für Hans Blix generell ganz oben auf der Liste, um globale Sicherheit zu gewährleisten. Der Mittlere Osten, die indische und die koreanische Halbinsel seien dabei die derzeit wichtigsten Verhandlungsfelder. „Aber auch Exportkontrollen und Inspektionen sind richtig und wertvoll, um Proliferation zu stoppen und Vertragsbrüche aufzudecken.“ Um zu verhindern, dass Massenvernichtungswaffen in den Besitz von Terroristen gelangen, müsse man mit den Ländern zusammenarbeiten, in denen sich die Terroristen zusammenfinden. Diese Länder müssten auch selbst in Aktion treten und ihr Territorium kontrollieren. „Terrorismus erfordert nicht zwingend Wiederaufrüstung. Der Einsatz von Panzern gegen Terroristen wäre genau so, als wenn man versuchen würde, Moskitos mit Kanonen zu erschießen.“