Dass sich ehemalige britische Diplomaten in den „Frontline Club“ verirren, kommt eher selten vor. Im Verein britischer Auslandskorrespondenten, der sich im unscheinbaren Londoner Stadtteil Paddington angesiedelt hat, gibt man sich betont lässig, hemdsärmelig, informell und anti-Establishment. Mit den üblichen Treffpunkten von Großbritanniens außenpolitischer Elite in Pall Mall und St. James, die meist ein Hauch von vergangenem Empire umweht, hat der „Frontline Club“ wenig gemein.

Doch führen ungewöhnliche Zeiten zusammen. Sir Crispin Tickell, der als britischer UN-Botschafter 1990 den „ersten“ Irakkrieg koordinieren half und nun Kanzler der Universität von Kent ist, Sir Graham Hugh Boyce, vormals Botschafter in Ägypten, und Sir Harold „Hooky“ Walker, bis Anfang 1991 letzter britischer Botschafter im Irak, sind eingeladen, den offenen Brief zu diskutieren, den sie und 49 weitere ehemalige Kollegen an Tony Blair gesandt haben – ein beispielloser Vorgang. In ihrer Kritik der derzeitigen britischen Nahostpolitik waren die Ex-Diplomaten außerdem alles andere als diplomatisch.

Die drei nehmen die Herausforderung, auf engem Raum vor dicht gedrängtem Publikum wie bei einer Talkshow ins schnurlose Mikrofon zu sprechen, mit Elan an. „Mehr Publikum, als ich in der Uno je hatte“, scherzt Sir Crispin. Sir Graham fühlt sich an eine Bekenntnisrunde bei den „Anonymen Alkoholikern“ erinnert – nicht, dass er aus eigener Erfahrung spräche. Sir Harold bezeichnet sich selbstironisch als „grauen Anzug“, als Angehöriger jener farblosen Kaste, die in Großbritannien im Hintergrund die Politik „macht“. Man debattiert einzelne Punkte, insbesondere, was die Bewertung von Israels jüngstem Abzugsplan angeht, aber im Grundsatz sind sich Redner und Zuhörer weitgehend einig: Blairs Nahostpolitik ist ein Desaster.

Angefangen hat alles am 16. April in einem Internetcafe in Tripolis. Für Oliver Miles, in den 1980er Jahren britischer Botschafter in Libyen und nun auf Konferenzbesuch in Nordafrika, lief an diesem Tag das Fass über, als er seinen Premierminister im Fernsehen zusammen mit Präsident George W. Bush im Rosengarten des Weißen Hauses sah. Beide schienen ohne Wenn und Aber den jüngsten, einseitigen Abzugsplan des israelischen Ministerpräsidenten Ariel Sharon zu befürworten.

Miles gehörte zu den „Arabisten“ im britischen Außenministerium. Vereinfacht gesagt, gibt es im Foreign and Commonwealth Office (FCO) vier Karrierewege und damit Diplomaten-Typen: Atlantiker, Europäer, Asiaten oder eben Arabisten. Letztere sind auch als „Kamel-Corps“ oder „die Kamele“ bekannt. Die sprichwörtliche Übersetzung vom Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, nämlich vom Strohhalm, der dem Kamel den Nacken brach („the straw that broke the camel’s neck“), bekommt so fast eine buchstäbliche Bedeutung.

Miles wollte seinem Ärger Luft machen. Er setzte sich zwischen die libyschen Netzsurfer, entwarf einen offenen Brief und sandte ihn per E-Mail an fünf frühere Kollegen. Drei reagierten positiv, schlugen Änderungen vor und schickten das Schreiben weiter. Im Schnellballsystem verbreitete sich der Miles-Brief. Am Ende waren es 52 frühere Diplomaten, die ihren Namen unter ein Schriftstück setzen, das Blair unverblümt dafür kritisierte, der US-Politik im Nahen Osten unkritisch und ohne jede Einschränkung zu folgen. Besäßen mehr ehemalige Diplomaten eine E-Mail-Adresse, so einer der Unterzeichner, wären es sicher noch mehr geworden. Am 27. April ging der Brief gleichzeitig in Downing Street und bei der Nachrichtenagentur Reuters ein.

Die Liste der Fehlleistungen, die im Brief der Ex-Diplomaten aufgezählt werden, ist lang. Die Unterstützung von Sharons einseitiger Politik sei ein Abschied von den traditionellen Prinzipien für eine friedliche Lösung des Konflikts zwischen Israel und den Palästinensern. Die Besatzung Iraks sei „illegal und brutal“. Es habe keine effektive Planung für die Zeit nach Saddams Sturz gegeben. Das Vorgehen amerikanischer Streitkräfte in Falludscha und Nadschaf Ende April sei unangemessen und stärke den irakischen Widerstand. Es sei falsch, die Aufständischen lediglich als „Terroristen, Fanatiker und ausländische Kämpfer“ zu bezeichnen, und eine Schande, dass sich die Regierung weigere, über das Schicksal von zivilen Opfern, deren Zahl über 10.000 liege, Rechenschaft abzulegen. Eine „grundsätzliche Neubewertung“ der eigenen Politik sei geboten, denn die gegenwärtige, ließen die früheren Diplomaten den Premierminister am Ende wissen, sei „zum Scheitern verurteilt“.