kommentar Undiplomatische Ex-Diplomaten

Seit dem offenen Brief von 52 früheren britischen Botschaftern an Premierminister Tony Blair ist klar: Im britischen Außenministerium rumort es, und im Land verfestigt sich ein Konsens gegen die britische Nahostpolitik

Dass sich ehemalige britische Diplomaten in den „Frontline Club“ verirren, kommt eher selten vor. Im Verein britischer Auslandskorrespondenten, der sich im unscheinbaren Londoner Stadtteil Paddington angesiedelt hat, gibt man sich betont lässig, hemdsärmelig, informell und anti-Establishment. Mit den üblichen Treffpunkten von Großbritanniens außenpolitischer Elite in Pall Mall und St. James, die meist ein Hauch von vergangenem Empire umweht, hat der „Frontline Club“ wenig gemein.

Doch führen ungewöhnliche Zeiten zusammen. Sir Crispin Tickell, der als britischer UN-Botschafter 1990 den „ersten“ Irakkrieg koordinieren half und nun Kanzler der Universität von Kent ist, Sir Graham Hugh Boyce, vormals Botschafter in Ägypten, und Sir Harold „Hooky“ Walker, bis Anfang 1991 letzter britischer Botschafter im Irak, sind eingeladen, den offenen Brief zu diskutieren, den sie und 49 weitere ehemalige Kollegen an Tony Blair gesandt haben – ein beispielloser Vorgang. In ihrer Kritik der derzeitigen britischen Nahostpolitik waren die Ex-Diplomaten außerdem alles andere als diplomatisch.

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Die drei nehmen die Herausforderung, auf engem Raum vor dicht gedrängtem Publikum wie bei einer Talkshow ins schnurlose Mikrofon zu sprechen, mit Elan an. „Mehr Publikum, als ich in der Uno je hatte“, scherzt Sir Crispin. Sir Graham fühlt sich an eine Bekenntnisrunde bei den „Anonymen Alkoholikern“ erinnert – nicht, dass er aus eigener Erfahrung spräche. Sir Harold bezeichnet sich selbstironisch als „grauen Anzug“, als Angehöriger jener farblosen Kaste, die in Großbritannien im Hintergrund die Politik „macht“. Man debattiert einzelne Punkte, insbesondere, was die Bewertung von Israels jüngstem Abzugsplan angeht, aber im Grundsatz sind sich Redner und Zuhörer weitgehend einig: Blairs Nahostpolitik ist ein Desaster.

Angefangen hat alles am 16. April in einem Internetcafe in Tripolis. Für Oliver Miles, in den 1980er Jahren britischer Botschafter in Libyen und nun auf Konferenzbesuch in Nordafrika, lief an diesem Tag das Fass über, als er seinen Premierminister im Fernsehen zusammen mit Präsident George W. Bush im Rosengarten des Weißen Hauses sah. Beide schienen ohne Wenn und Aber den jüngsten, einseitigen Abzugsplan des israelischen Ministerpräsidenten Ariel Sharon zu befürworten.

Miles gehörte zu den „Arabisten“ im britischen Außenministerium. Vereinfacht gesagt, gibt es im Foreign and Commonwealth Office (FCO) vier Karrierewege und damit Diplomaten-Typen: Atlantiker, Europäer, Asiaten oder eben Arabisten. Letztere sind auch als „Kamel-Corps“ oder „die Kamele“ bekannt. Die sprichwörtliche Übersetzung vom Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, nämlich vom Strohhalm, der dem Kamel den Nacken brach („the straw that broke the camel’s neck“), bekommt so fast eine buchstäbliche Bedeutung.

Miles wollte seinem Ärger Luft machen. Er setzte sich zwischen die libyschen Netzsurfer, entwarf einen offenen Brief und sandte ihn per E-Mail an fünf frühere Kollegen. Drei reagierten positiv, schlugen Änderungen vor und schickten das Schreiben weiter. Im Schnellballsystem verbreitete sich der Miles-Brief. Am Ende waren es 52 frühere Diplomaten, die ihren Namen unter ein Schriftstück setzen, das Blair unverblümt dafür kritisierte, der US-Politik im Nahen Osten unkritisch und ohne jede Einschränkung zu folgen. Besäßen mehr ehemalige Diplomaten eine E-Mail-Adresse, so einer der Unterzeichner, wären es sicher noch mehr geworden. Am 27. April ging der Brief gleichzeitig in Downing Street und bei der Nachrichtenagentur Reuters ein.

Die Liste der Fehlleistungen, die im Brief der Ex-Diplomaten aufgezählt werden, ist lang. Die Unterstützung von Sharons einseitiger Politik sei ein Abschied von den traditionellen Prinzipien für eine friedliche Lösung des Konflikts zwischen Israel und den Palästinensern. Die Besatzung Iraks sei „illegal und brutal“. Es habe keine effektive Planung für die Zeit nach Saddams Sturz gegeben. Das Vorgehen amerikanischer Streitkräfte in Falludscha und Nadschaf Ende April sei unangemessen und stärke den irakischen Widerstand. Es sei falsch, die Aufständischen lediglich als „Terroristen, Fanatiker und ausländische Kämpfer“ zu bezeichnen, und eine Schande, dass sich die Regierung weigere, über das Schicksal von zivilen Opfern, deren Zahl über 10.000 liege, Rechenschaft abzulegen. Eine „grundsätzliche Neubewertung“ der eigenen Politik sei geboten, denn die gegenwärtige, ließen die früheren Diplomaten den Premierminister am Ende wissen, sei „zum Scheitern verurteilt“.

Der Brief schickte so etwas wie ein stilles Beben durch die Korridore der Macht im Regierungsviertel von Whitehall. Hier rügte nicht nur, entgegen dem Komment, eine Gruppe mit enormem fachlichem Wissen die aktuelle Regierungspolitik. Vielmehr darf man davon ausgehen, dass die Exzellenzen im Ruhestand für einen Teil der aktiven britischen Diplomaten stehen und das artikulieren, was die im Dienst befindlichen Kollegen nicht können. In den Leserbriefspalten von „Times“ und „Daily Telegraph“, den Zeitungen der traditionellen Elite, geht es seitdem hoch her, unter anderem über die Frage, ob sich Beamte im Dienste Ihrer Majestät, pensioniert oder nicht, überhaupt äußern sollten, und noch dazu so undiplomatisch.

Die Verärgerung über den Weg, den die britische Außenpolitik in den vergangenen 18 Monaten eingeschlagen hat, sitzt offenbar tief. Dass das Vorgehen der 52 Ex-Diplomaten teilweise scharf und mit wilden Gegenvorwürfen kritisiert worden ist, stützt diese Annahme eher noch. Da hieß es, hier sei eine einseitig pro-arabische „Kamel“-Kabale am Werk. Viele der Unterzeichner hätten „Mecas“ durchlaufen, die geheimnisumwitterte, britische Sprachenschule „Middle East Centre for Arabic Studies“ in Shemlan nahe Beirut, die 1978 geschlossen wurde. Dort habe auch Kim Philby studiert, der berüchtigte Maulwurf des KGB, was nichts anderes meinte als: Verräter! Dabei stimmt die Behauptung nicht: Philby war kein „Mecas“-Absolvent.

Zudem sind eine Reihe der beredtsten Mitglieder der 52 keine Spezialisten des Mittleren Ostens, wie zum Beispiel Sir Crispin Tickell. Er sieht das größte Versagen der britischen Politik in der Missachtung der Uno und ihrer Prinzipien bei der Attacke auf den Irak. Wie weit die verklausulierten „Bauchschmerzen“ wegen Blairs Politik grassieren, zeigt auch die Rolle, die Sir Jeremy Greenstock, britischer UN-Botschafter während der dramatischen Monate vor dem Angriff auf den Irak und von September 2003 bis März 2004 höchster britischer Repräsentant im Irak, offenbar gespielt hat.

Als die „Times“ zwei Tage nach Erscheinen des Briefes meldete, Sir Jeremy habe die Autoren „beraten“, fühlte der sich zu einem Leserbrief berufen, der das Kunststück fertig brachte, den Bericht zu dementieren und gleichzeitig zu bestätigen. Er habe die Kritik an der britischen Irakpolitik nicht unterstützt, vielmehr habe er Änderungen des Textes vorgeschlagen. Er sei „mit Teilen des Textes“ nicht einverstanden gewesen, „der ungebührlich konfrontativ“ gewesen sei „und keine Alternative aufgezeigt“ habe. Er werde auch weiterhin „britische Anstrengungen unterstützen, einen stabilen und demokratischen Irak zu schaffen“. Nach einer klaren Absage an die Adresse der Briefschreiber klang das nicht. Solche Eiertänze von Diplomaten, deren Loyalität gegenüber Tony Blair eigentlich nicht in Frage steht, deuten darauf hin, dass das Verhältnis zwischen Labour-Regierung und der Regierungsbürokratie gestört ist.

Dabei sind sich die ehemaligen Diplomaten über die grundsätzliche Linie bei weitem nicht einig. Im Brief heißt es, man teile die Auffassung der britischen Regierung, „so eng wie möglich mit den USA zusammenzuarbeiten“ und „wirklichen Einfluss als loyaler Verbündeter“ auszuüben, aber eben auch im Widerspruch. Sir Crispin Tickell deutete dagegen an, eine Stärkung einer einheitlichen, außenpolitischen Stimme Europas, in die sich auch Großbritannien einfüge, sei vielleicht der bessere Weg, um eine Änderung der Nahostpolitik zu erreichen.

Ein Teil der Kritik richtet sich auch gegen Blairs „präsidialen“ Politikstil. Es herrscht Verbitterung darüber, dass britische Außenpolitik oft spontan und im kleinsten Zirkel um den Premierminister improvisiert wird. Wenn Blair Außenpolitik wie das Weiße Haus machen wollte, so einer der Briefunterzeichner im Gespräch, sei daran prinzipiell nichts auszusetzen, nur müsse dann der Apparat auch entsprechend mit außenpolitischen Fachleuten ausgestattet sein. Derweil ignoriere der Premierminister die Expertise des FCO, während seine Berater oft nur geringe Kenntnisse der Materie hätten.

Es ist gut möglich, dass der Brief der Ex-Diplomaten in der Rückschau einen Wendepunkt markiert. Seit dessen Erscheinen ist die britische Politik in Sachen Irak auf eine abschüssige Bahn geraten. Mit immer neuen Bildern und Berichten über Folter und Misshandlungen von Irakern durch amerikanische, aber auch britische Soldaten ist Blairs Regierung nach dem Kriegsgrund („Massenvernichtungswaffen“) und dem Kriegsziel (schnelle Schaffung einer Demokratie mit „Dominoeffekt“ im Nahen Osten, wobei die Uno eine „zentrale Rolle“ spielen sollte) nun auch die oft beanspruchte moralische Überlegenheit abhanden gekommen.

Sir Anthony Eden war der letzte britische Premierminister, der sich in eklatanter Form über internationale Normen und sein Außenministerium hinwegsetzte. Eden wollte in einem geheimen Komplott mit Frankreich und Israel im Herbst 1956 den von Ägypten verstaatlichen Suezkanal im Handstreich zurückerobern. Die US-Regierung unter Präsident Dwight Eisenhower stoppte den Einmarsch, und Eden war bald darauf zum Rücktritt gezwungen.

Die Konstellation heute ist gänzlich anders. Doch könnte Blair, der „Sieger von Basra“, bald als Verlierer abtreten. Im kleinen Kreis hat der Premierminister jüngst erklärt, er würde für Schatzkanzler Gordon Brown den Weg freimachen, sollte er den Eindruck gewinnen, er sei für die Labour-Party zur Belastung geworden. Wenn sich der Trend im Irak fortsetzt, könnte dies schneller kommen als gedacht. Der Abend im „Frontline Club“ ist ein Symptom für die Stimmung in Land. Der Konsens gegen Blairs Kurs verfestigt sich. „Der Brief scheint das Populärste zu sein, was ich je getan habe“, sagt Sir Crispin Tickell, „Leute überqueren die Straße, um mir die Hand zu schütteln.“

Den Brief der Ex-Diplomaten hat der Premierminister noch nicht beantwortet.

 
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