cannes filmfestival Lesen Sie die Kritike
Eine Sammlung der Kritiken von arte-Redakteure über die Filmen die im Offizielle Auswahl – Wettbewerb sind
Im Wettbewerb
2046 von WONG Kar-wai
CLEAN von Olivier ASSAYAS
CONSEQUENCES OF LOVE von Paolo SORRENTINO
EXILS von Tony GATLIF
FAHRENHEIT 911 von Michael MOORE
GHOST IN THE SHELL 2: INNOCENCE von OSHII Mamoru
LIFE IS A MIRACLE von Emir KUSTURICA
LOOK AT ME von Agnès JAOUI
MONDOVINO von Jonathan NOSSITER
NOBODY KNOWS von KORE-EDA Hirokazu
OLD BOY von PARK Chan-wook
SHREK 2 von Andrew ADAMSON, Kelly ASBURY, Conrad VERNON
SUD PRALAD von Apichatpong WEERASETHAKUL
THE EDUKATORS von Hans WEINGARTNER
THE HOLY GIRL von Lucrecia MARTEL
THE LADYKILLERS von Ethan COEN, Joel COEN
THE LIFE AND DEATH OF PETER SELLERS von Stephen HOPKINS
THE MOTORCYCLE DIARIES von Walter SALLES
WOMAN IS THE FUTURE OF MAN von HONG Sangsoo
LA VIE EST UN MIRACLE
von Emir Kusturica
mit Slavko Stimac, Natasa Solak, Vesna Trivalic u.a.
Frankreich – Serbien – Montenegro, 2004
Sterne: **
Zusammenfassung:
Im kleinen überschaubaren Leben von Luka gibt es nur Glück, Tanz und Lachen. Für den serbischen Ingenieur, der mit dem Bau der neuen Eisenbahnlinie beauftragt ist, die sein schönes kleines Tal in Bosnien durchqueren wird, steckt das Leben voller fröhlicher Ereignisse. Doch wir befinden uns im Jahr 1992, und allmählich lässt sich der Krieg nicht mehr verschweigen. Als sein Sohn zu den Waffen greift und Bomben auf sein grünes Paradies regnen, muss Luka plötzlich einschneidende Entscheidungen treffen.
Kritik:
Trommeln, Konfetti, ausgelassene Rennen, irrwitzige Nachtschwärmer mit Trompeten, die über den Balkon hereinkommen und durch den Kamin wieder verschwinden... Wie schon seine vorangegangenen Werke ist auch der neue Film Emir Kusturicas eine einzige aufregende Karussellfahrt.
So dreht sich buchstäblich alles in diesen einhundertfünfundvierzig Minuten puren Kinos um den Begriff der Gewohnheit. Die erste Form der Gewohnheit spiegelt sich im Leben Lukas, der hin und hergerissen ist zwischen den utopischen, egoistischen Wünschen seiner kleinen provinziellen Existenz und dem mutigeren Vorhaben, auch weiterhin all die positiven und vergnüglichen Facetten des Lebens voll auszuschöpfen – gewissermaßen eine höhnische Botschaft an all die Unmenschen dieser Welt. Die zweite Form ist die von Kusturica selber, der sich nicht in konventioneller Art und Weise auf ein relativ nüchternes Thema und zwei Personen konzentriert, sondern die ihm ganz eigene Herangehensweise wählt, die sich hier jedoch als kontrapunktisch und zumindest etwas unangenehm erweist.
„La Vie est un miracle“ beruht auf denselben gauklerischen Prinzipien wie „Schwarze Katzer, weißer Kater“ (turbulentes Gewimmel, kurze Einstellungen und „Unza unza time“ von Kusturicas Gruppe No Smoking Band ). Hieraus entstehen aber auch ungewöhnlich ernste, an Corneilles Tragödien gemahnende Situationen mit in ihre eigenen Widersprüche verstrickten Figuren. Das Illusionistische scheint hierfür Schlupflöcher bieten zu wollen oder eine Art des Widerstands zu leisten. Unberührt davon bleibt das Paradox, dass dieser Film weniger als sonst den Erwartungen und dem Konsens entspricht, seine kontrovers diskutierte Ausgewogenheit aber dennoch ihre Berechtigung hat.
Julien Welter
LE CONSEGUENZE DELL’AMORE
von Paolo Sorrentino
mit Toni Servillo, Olivia Magnani, Adriano Giannini, Raffaele Pisu, Angela Goodwin
Italien, 2004
Sterne: ****
Zusammenfassung:
Jeder Mensch hat ein eigenes, verschwiegenes Geheimnis. Titta Di Girolamo jedoch hat mehrere. Das ist offensichtlich. Warum sollte sonst ein südländischer Mann von fünfzig Jahren seit acht Jahren in einem gewöhnlichen Hotelzimmer in einer anonymen Kleinstadt in der italienischen Schweiz leben? Acht Jahre, ohne zu arbeiten. So scheint es jedenfalls. Jahre voller Schweigen und voller Zigaretten, Jahre, die dieser Mann in der immer gleichen Kleidung zwischen Eingangshalle und Hotelbar verbrachte, ohne sich das geringste Vergnügen zu gönnen. Jahre der Routine, in der ständigen Erwartung, dass irgendetwas Ungewöhnliches geschieht. Doch was könnte schon geschehen? Titta beobachtet, unbeirrbar erforscht er das Leben, das sich vor ihm abspielt, ohne jeglichen Anflug von Gefühlen oder Emotionen. So scheint es. Ein einsamer, bindungsloser Mann, der in den Jahren verloren gegangen ist – vertieft in die Betrachtung seiner Geheimnisse.
Kritik:
Ein nobles, kaltes Hotel irgendwo in einer ruhigen Stadt in der italienischen Schweiz. Jeden Tag steht in einem der Zimmer ein Mann in dunklem Anzug auf und geht in die Eingangshalle. Jeden Tag setzt er sich dort in den gleichen Sessel und schaut ohne mit einer Menschenseele zu sprechen aus dem Fenster. Bereits in den ersten Bildern seines Films lässt Paolo Sorrentino eine merkwürdige Atmosphäre der Langeweile entstehen, die von der schnörkellosen Umgebung im kalten Licht bläulicher und bronzefarbener Lichtreflexe sowie von den eindringlichen, messerscharfen Einstellungen noch unterstrichen wird. Dies alles steht in völligem Einklang mit der Erzählweise.
In erster Linie filmt Sorrentino einen Mann – oder besser gesagt ein bedrückend beunruhigendes Rätsel. Der Mann mit Zigarette. Der innere Monolog dieses Hellsehers fasziniert Sequenz für Sequenz, Aphorismus für Aphorismus. Gewissermaßen als Doppelgänger des Regisseurs schaut er düster und verschlossen auf eine Welt, in der Sonnenstrahlen oder Momente des Glücks ebenso selten sind wie das flüchtige Lächeln, das über Tittas Züge huscht. Sehr spät erst wird das Geheimnis dieses Mannes gelüftet, der zurückgezogen, fern von seiner Familie lebt: Als Ausgleich für gescheiterte Milliardengeschäfte an der Börse im Auftrag der Cosa Nostra opfert der erfolglose Geschäftsmann und Broker der Organisation sein Leben. Doch die vielen kleinen Details, die man zufällig über ihn erfährt –während eines Kartenspiels mit einem vor dem Ruin stehenden Ehepaar oder während des unerwarteten Besuchs seines Hippie-Bruders – geben bereits ein klares Abbild seiner Innenwelt.
Mit seinen anonymen, streng ritualisierten Abläufen ist das Hotel eine ideale Metapher für die unerbittliche Moderne und birgt den Mann mit der Zigarette doch fernab vom Weltgeschehen wie in einer Schatulle – genau wie das Sanatorium die in ihren eigenen Ängsten gefangenen Kurgäste in Thomas Manns „Zauberberg“. Die elektronische Musik von Notwist bildet einen krassen, perfekt kühlen und eindringlichen Kontrapunkt zu Tittas Leben, das von Toni Servillo meisterlich verkörpert wird. Der Film erfährt einen Wendepunkt in dem Moment, als Titta sich entschließt, zu leben und das Risiko einzugehen, zu lieben und zu begehren. Plötzlich rutscht er ins Genre des Gangsterfilms. Der Entschluss zu leben ist gleichbedeutend mit dem Entschluss zu sterben. Ironische Mafiaszenen wechseln sich ab mit der Darstellung absurdester Gewalt. Ein derartiger Umgang mit blutigen Szenen und schockierenden Situationen weckt Assoziationen an „Ghost Dog – Der Weg des Samurai“ von Jim Jarmusch. Die letzten Augenblicke und die letzten Wörter von „Conseguenze dell’Amore“ brechen in ihrer extremen Schönheit und absoluten Traurigkeit auf den Zuschauer herein: der leere Blick eines aufgehängten Mannes über einer endlosen Weite aus Schnee und Eis.
Delphine Valloire
DAREMO SHIRANAI (NOBODY KNOWS)
von Kore-eda Hirokazu
mit Yagira Yuuya, Kitaura Ayu, Kimura Hiei, Shimizu Momoko, Kann Hanae, You
Japan, 2004
Sterne: ***
Zusammenfassung:
Der 12-jährige Akira lebt mit seinen drei kleineren Geschwistern Kyoko, Shigeru und Yuki zusammen mit seiner Mutter Keiko in einem kleinen Apartement in Tokyo. Außer dass alle vier Kinder einen unterschiedlichen Vater haben, haben sie noch eine Gemeinsamkeit: Sie gehen nicht zur Schule und sind nirgendwo offiziell gemeldet. Trotzdem geht es ihnen eigentlich sehr gut, bis eines Tages Keiko einfach verschwindet...
Kritik:
Am Anfang des Films ist die Welt noch in Ordnung. Die Geschwister haben sich und ihre Mutter. Keiko ist immer zu Späßen aufgelegt, und kümmert sich liebevoll um jeden ihrer Sprösslinge. Eigentlich wirkt sie gar nicht wie eine richtige Mutter, eher wie eine große Schwester, und genau da liegt auch das Problem. Denn eines Tages ist sie einfach weg, weil sie mal wieder einen Mann haben will – für sich ganz alleine. Sie hat Akira Geld und einen Zettel dagelassen, auf dem steht, dass er sich um seine Geschwister kümmern soll. Akira versucht gewissenhaft und liebevoll seine neue – für ihn eigentlich viel zu große - Aufgabe so gut es geht zu erfüllen, und beraubt sich dabei seiner eigenen Kindheit.
Der japanische Regisseur Kore-eda Hirokazu filmt das Leben der verlassenen Kinder in einer Art Dokustil. Dabei lässt er den Geschwistern viel Platz für eigene Improvisationen, was ihr – oft in Großaufnahmen gezeigtes – Spielen betrifft, aber auch die Dialoge. Das passt gut zu der 1988 real passierten Geschichte verlassener Kinder, aber auch zu der des Filmemachers, der ursprünglich seine Karriere mit Dokumentarfilmen begann. Daraus resultiert vielleicht auch seine Idee, ein ganzes Jahr zu drehen, im Turnus der vier Jahreszeiten. Das tatsächliche Wachsen oder etwa das Tieferwerden der Stimme Akiras baut er einfach in seinen Film mit ein. Mit Yagira Yuuya, Kitaura Ayu, Kimura Hiei, Shimizu Momoko ist ihm eine hervorragende, sehr überzeugende Besetzung gelungen. Besonders Yagira Yuuya weiß es, den Zuschauer mit seinem minimalistischen Spiel und seinem erwachsenen Blick in seinen Bann zu ziehen.
Zutiefst erschreckend ist die Tatsache, dass kein Mensch die verlassenen Kinder zu bemerken scheint, und sich um sie kümmert. Nicht einmal die Vermieterin schreitet ein und informiert das Jugendamt, als sie durch Zufall einmal mitten in der verwahrlosten Wohnung steht, in der sich ganz offensichtlich niemand um die Kinder kümmert. Ungern erinnert man sich da an den deutschen Dokumentarfilm DIE KINDER SIND TOT, der den Tod und die damit verbundene Geschichte zweier für mehrere Wochen alleine in der Wohnung gelassener Kleinkinder rekonstruiert. Auch hier hat niemand etwas gehört oder gesehen, sonst wären die Kinder nicht verhungert. Sicherlich ist DAREMO SHIRANAI zu lang geraten, und er verlässt leider auch manchmal die Perspektive der Kinder um etwas altklug weitergehende Informationen zum Thema zu bieten, aber trotzdem bleibt die Geschichte der vier verlassenen Geschwister bis zuletzt interessant und äußerst sehenswert.
Nana A.T. Rebhan
- Datum 13.05.2004 - 14:00 Uhr
- Serie film
- Quelle (c) arte-tv.com
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