Nur kurze Zeit schien US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld angeschlagen. Sah man ihn eben noch wie in Erwartung von Schlägen geduckt und mit Schweißperlen auf der Stirn Entschuldigungen stammeln, präsentierte er sich buchstäblich über Nacht wieder ganz oben auf. Mit stolzgeschwellter Brust nahm er die Lobrede seines Präsidenten entgegen, mit frischem Mut verteidigte er Praktiken wie Schlafentzug und Isolationshaft als mit der Genfer Konvention vereinbare Methoden zur Vorbereitung von Verhören. Beim Truppenbesuch im Irak hatte er schon wieder das altvertraute, herausfordernde Grinsen im Gesicht.Augen zu und durch? Zu dieser Strategie scheint sich die Bush-Regierung nach der ersten Erschütterung durch die Enthüllungen über den Folterskandal in irakischen Gefängnissen entschlossen zu haben. Bei den Tätern, die sich in sadistischer Weise an Häftlingen vergangen haben, handele es sich um wenige "unamerikanische" Elemente, die in keiner Weise den "fantastischen Charakter" der amerikanischen Truppen im Irak widerspiegelten, gab der Präsident selbst als offizielle Lesart aus.Doch die zur Schau gestellte patriotische Selbstsicherheit und groteske schönfärberische Selbstbeweihräucherung verschleiern nur schlecht, wie ratlos die Bush-Regierung in Wahrheit ist. Alle Beteuerungen, die abgründigen Entgleisungen in Abu Ghraib und anderswo berührten nicht die unbefleckt strahlenden "wahren" amerikanischen Werte, sind pures Pfeifen im Walde. Denn genau das ist der Kern der Katastrophe: nicht nur die Glaubwürdigkeit amerikanischer Demokratisierungsbestrebungen im Irak und im gesamten Nahen Osten ist durch die Praktiken von Teilen des US-Militärpersonals auf absehbare Zeit ruiniert worden. Jedes Plädoyer für die Verbreitung von Demokratie und Menschenrechten wird bis in ferne Zukunft von den Horrorbildern über die Gefangenenmisshandlungen – die schlimmsten haben wir wohl noch gar nicht gesehen – überschattet werden.Ahnt der stellvertretende Verteidigungsminister Paul Wolfowitz, dass eine Strategie des Schönredens und Herunterspielens das Unternehmen Irak, das er wie kein anderer aus ideologischer Überzeugung betrieben hatte, nur noch tiefer in den Abgrund führen wird? Maßnahmen wie Schlafentzug von bis zu 72 Stunden und Isolationshaft von mehr als 30 Tagen Dauer klängen wohl "wie eine Verletzung der Genfer Konvention", räumte er ein und widersprach damit implizit seinem Vorgesetzten Rumsfeld. Erste Anzeichen von Auflösungserscheinungen im Bush-Lager?Über der Aufregung um den Folterskandal und die Frage, wie tief greifend er das moralische Selbstbewusstsein der Vereinigten Staaten unterminiert haben mag, tritt das für alle beunruhigendste Problem in den Hintergrund: wie soll es nun im Irak weitergehen? Der Schock von Abu Ghraib hat die Gefahr eines desaströsen Scheiterns der USA beim Wiederaufbau des Landes unter zivilisierten Bedingungen extrem zugespitzt – doch sie ist nicht erst dadurch entstanden. Selbst wenn sich die Folterpraktiken nur auf kleine Teile des Militärapparats beschränken sollten – was kaum glaubhaft ist: die Tatsache, dass die politische und militärische Führung der Vereinigten Staaten nicht fähig oder willens war, sie zu verhindern, wirft ein exemplarisches Licht auf die Konzeptionslosigkeit und Überheblichkeit, mit der das "nation building" im Zweistromland in Angriff genommen wurde. Im Augenblick ist von Seiten Bushs und seiner Getreuen kaum noch ein anderer strategischer Ansatz zu erkennen als der teils verzweifelte, teils dreiste Versuch, sich möglichst ungeschoren über die Präsidentenwahlen im November zu retten.Das Ziel der Stabilisierung und Demokratisierung des Irak wird durch das politische und moralische Versagen der amerikanischen Besatzungsmacht nicht hinfällig. Auch für die Kriegsgegner besteht nicht der geringste Anlass zu Triumphgefühlen. Im Gegenteil – die selbst verschuldete Delegitimierung der Führungsrolle der USA setzt die Europäer unter noch größeren Zugzwang, nunmehr mit konkreten Vorschlägen zur Lösung eines Dilemmas beizutragen, das die angespannte Situation spätestens nach der für den 1. Juli geplanten Machtübergabe an eine Übergangsregierung in die Explosion treiben könnte: Nach wie vor verfügen nur die USA über die Machtmittel, eine relative Stabilität im Lande und einigermaßen gesicherte Voraussetzungen für eine weitere Entwicklung rechtsstaatlicher und pluralistischer Verhältnisse zu gewährleisten. Doch diese Macht braucht dringend eine zusätzliche internationale Legitimation – und neue, erfolgversprechende Strategien, vor allem auf dem Gebiet des Aufbaus tragfähiger zivilgesellschaftlicher Strukturen.Das weitere Schicksal des Irak betrifft nicht nur diesen allein. Am 22. und 23. Mai wollen sich in Tunis die arabischen Regierungen zu einem Gipfeltreffen versammeln, bei dem sie sich über einen Plan zur Modernisierung und Demokratisierung der Region verständigen sollen. Der Entwurf ist wesentlich auf amerikanischen Druck zustande gekommen. Zu befürchten ist nun, dass der Folterskandal den arabischen Diktaturen als Steilvorlage dienen wird, diesen Prozess weiter zu verwässern und zu verschleppen.In einem Artikel für das "Wall Street Journal" warnte der arabisch-amerikanische Politologe Fouad Ajami unlängst vor der Gefahr, die Bush-Administration könne sich aus "Panik" angesichts ihres drohenden moralischen Bankrotts bei den arabischen Regimes anbiedern und den angestoßenen Prozess der Demokratisierung des arabischen Raums damit wieder zurückdrehen. Er weist auf die Heuchelei der arabischen Herrscher hin, die sich vor Empörung über die amerikanischen Untaten in irakischen Gefängnissen kaum fassen können, während des jahrzehntelangen Terrors unter Saddam Hussein aber stets weg gesehen haben. Man könnte hinzufügen: von ihren eigenen Untaten sprechen sie am wenigsten gern. Bushs Entschuldigungen, kritisiert Ajami, zielten verständnis- und hilfeheischend auf die Ohren der arabischen Diktaturen und Halb-Diktaturen – notwendig aber wäre gewesen, sich, statt an einen jordanischen Fernsehsender, direkt an die irakische Bevölkerung zu wenden – denn ihr schuldet Bush mehr als einstudierte Zerknirschung. Er schuldet ihr rest- und schonungslose Aufklärung und handfeste, kontrollierbare Garantien, dass ähnliche Zustände wie in Abu Ghraib in Zukunft ausgeschlossen sind.