kommentar Überraschung in Indien
Sonia Gandhi versprach im Wahlkampf, die Probleme der Armen anzupacken - und wurde mit dem "Indian National Congress" unerwartet stärkste Partei im Parlament
Halb mit gebrochenem Herzen, halb fassungslos habe er das Wahlergebnis vernommen, sagte am Donnerstag Pramod Mahajan von der Bharatiya Janata Party (BJP), die bisher Indiens Regierung stellte und jetzt mit Pauken und Trompeten aus dem Amt gejagt wurde. Der smarte Parteifunktionär, der sich gern im Fitnesstudio interviewen ließ, war einer der wichtigsten Männer dieser Parlamentswahlen. Denn er leitete jene aufsehenerregende Kampagne der BJP, die mit India Shining und dem Feel Good Factor sogar weltweit Aufsehen erregte. Und er organisierte den ersten indischen Medien- und Personenwahlkampf, ganz auf die Person des Premierministers Vajpayee konzentriert. Fast bis zur letzten Minute schien er der Star-Campaigner zu sein und in gewisser Weise war er es: Politiker, Journalisten, Unternehmer, überhaupt alles, was man so die politische Klasse nennt, war fast ausnahmslos vom Sieg der BJP überzeugt.
Die Wähler jedoch nicht. Denn der ebenso unisono als zukunftslos eingeschätzte Indian National Congress mit seiner Spitzenkandidatin Sonia Gandhi wurde stärkste Partei im indischen Parlament. Die Kongress-Partei allein errang 145 von insgesamt 539 Sitzen, 32 mehr als beim letzten Mal, und 218 Sitze gemeinsam mit ihren alliierten Regionalparteien. Die BJP hingegen verlor 42 Sitze, mit ihren Koalitionspartnern bleiben ihr damit 186.
Das Wahlwunder, staunten indische Tageszeitungen, oder: Das Verdikt, und Pramod Mahajan übernahm alle Verantwortung. Im Nachhinein lautet das Schlüsselwort dieses Wahlkampfs: abgehoben. Denn jetzt zeigt sich, dass das leuchtende Indien nur der selektiven Wahrnehmung weiter Teile der urbanen indischen Mittelschicht entsprach, die mit dem Wirtschaftswachstum der letzten Jahre zu Wohlstand gekommen war.
Misstrauen ist eine demokratische Tugend, und die 350 Millionen von 670 Millionen wahlberechtigten Indern, die an die Urnen gegangen sind, haben viel Misstrauen gezeigt. Sie haben dem Oberflächenglanz nicht getraut, mit dem die BJP religiöse Toleranz demonstrierte während sie doch die Schulbücher ihrem hinduistischen Nationalismus entsprechend umschreiben ließ und ihre verbündeten Organisationen vielerorts die Politik des Hasses gegen Moslems fortsetzten. So ist dies auch ein Sieg des Säkularismus, der in Indien tief verwurzelt ist.
Vor allem haben sie mit ihrer Stimme dagegen protestiert, dass jene zwei Drittel der indischen Bevölkerung vom indischen Aufschwung unberührt blieben, die, meist ohne Strom und Wasser, unter härtesten, durch die Globalisierung noch verschärften Bedingungen auf dem Land oder in den Armenvierteln der Großstädte leben.
Noch ist das Wahlergebnis nicht genauer analysiert; lokale und regionale Besonderheiten spielen auf diesem riesigen Kontinent bei der Stimmabgabe stets eine große Rolle. Doch sicher ist, dass, neben dem mythischen Klang ihres Namens, vor allem Sonia Gandhis Versprechen, die Probleme der Armen anzupacken, für ihr überraschendes Ergebnis ausschlaggebend waren. Und so hatte sie sich auf ihrer 50.000 Kilometer langen Reise durch das ganze Land viel den Dorf- und Slumbewohnern gewidmet.
Sollte die Kongresspolitikerin was trotz ihrer selbst in der eigenen Partei kritisierten italienischen Herkunft so gut wie sicher ist Premierministerin werden, dann wird vermutlich auch sie die Wirtschaft weiter liberalisieren wenn auch gemäßigter. Vielleicht mit mehr Auflagen für Investoren, nicht zuletzt unter dem Druck der Linken, die mit 60 Sitzen im Parlament ebenfalls sensationell gestärkt wurden. Erleichterung herrschte außerdem, als Sonia Gandhi bei ihrem ersten Auftritt nach der Auszählung sogleich ankündigte, dass sie die Friedensverhandlungen mit Pakistan fortführen will.
Und wenn sie die Botschaft der Wähler ernst nimmt, dann wird sie die Entwicklungspolitik für ländliche Regionen tatsächlich ernsthaft in Angriff nehmen müssen. Endlich.
- Datum 15.04.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) ZEIT.de
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