roman Das Dritte ist nicht ausgeschlossen

Adolf Muschg, Schriftsteller, Professor, wird 70. Sein Buch „Der Schein trügt nicht“ ist der jüngste Grund, ihm zu gratulieren

Es gibt nicht nur Leben und Tod. Es gibt etwas Drittes“, sagt zum Schluss von Adolf Muschgs Roman der Bootsmann und rudert den ertrunkenen Helden, damit er nicht versunken bleibt, an Land. Das Dritte heißt hier „das Vielleicht“.

Auf ein Drittes zu setzen, das den Blick vom Faktischen auf das Mögliche hin ändern kann, hat der Schriftsteller Muschg ins Zentrum seiner Poetik gestellt. „Die Kunst leistet gar nichts“, sagt er 1994 in seiner Büchner-Preisrede, „aber so viel leistet sie vielleicht doch: Sie kann das dumme Spiel vom ausgeschlossenen Dritten, das wir mit immer klügeren Apparaten spielen, ablösen durch ein Spielwissen, das nicht nur eine Alternative, sondern auch das ganz Andere kennt.“ Denn der Schein, anders als die vermeintliche Wahrheit, trügt nicht.

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Jenseits der auf den Tod Kranken, der Glücksverpasser und neurotischen Hypochonder, die Muschgs literarische Prosa bevölkern, hat dieser Schriftsteller seit Jahrzehnten ein anderes Drittes erkundet, das er zuerst, 1968, noch skeptisch unter den Verdacht der Politikflucht gestellt hat, um es dann als Quelle der distanzierten Neigung zur Welt neu zu erschließen. Dieses Dritte im Werk des Schweizer Literaturprofessors und Schriftstellers, des Büchner-Preisträgers und Akademie-Präsidenten, des grünen Sozialdemokraten und Europäers, der am 13. Mai siebzig wird, heißt: Goethe. Goethe, der seine Kunstgriffe einer im Innersten widersprüchlichen Natur verdankte, die ihm Schutz vor den Zumutungen der Geschichte bot.

Adolf Muschg gehört zu der Schar von öffentlichen Intellektuellen, denen das Dritte, die Kunst, durch Forschung bekannt ist und doch zur Gestaltung frei steht. Die sich weder im Gekrümel des Spezialistentums verlieren noch im gratis Fantasierten verplaudern. Kunst und Wissen auf der Höhe des Gegenstands verbinden, beinah unmöglich!, so klang der Stoßseufzer des alternden Goethe. In seinen Büchern Goethe als Emigrant (1986) und nun Der Schein trügt nicht balanciert Muschg freihändig und leicht auf diesem Grat zwischen Kunst und Wissen. Und seine Lektüren des Goetheschen Werks kommen fast ohne Konzession an den bildungsfrommen Wunsch nach der Ruhe der Seele aus.

Der Band umfasst acht Vorträge und Festreden aus gut zehn Jahren. Gelegentliches also, essayistisch gefasst, das sich den großen Themen des Goetheschen Werks im Einzelnen zuwendet, Natur, Religion, Teufelswette, Kunst und Leben, aufgegriffen im gesamten Werk, mit einer Vorliebe für den Divan , die Wahlverwandtschaften und die Wanderjahre, die naturwissenschaftlichen Schriften, wahrgenommen durch einen philologisch, historisch und psychoanalytisch geschulten Blick.

Ein Glanzstück des Bandes ist Muschgs Erzählung und Deutung eines spektakulären Verstummens: Am 24. Februar 1784 soll im Rathaus zu Ilmenau der zuständige Minister Goethe die Wiederbelebung der Kupfer-, Blei- und Silbergrube feierlich eröffnen. Und es verschlägt ihm die Sprache. Zumindest, die Zeugen sind sich nicht einig, für ungeheure zehn Minuten. Warum? Muschgs Deutung zeigt den jungen Patriziersohn in der Provinz, der mit seiner Kunst endlich den Menschen nützen will, mit Hilfe jener Natur, jener unerschöpflichen Mutter, deren Stein nun durch den Bergbau in Brot und Arbeit für alle verwandelt werden soll. Zeigt einen eben noch jungen Wilden, den die Ehrfurcht packt vor diesem Vorhaben, das er selbst ausführen will, der die Beziehung zur Natur zur Beziehung seines Lebens macht. Es stockt einem, noch 220 Jahre später, beim Lesen der Atem über dieses merkwürdig große Kind der Natur, das da vor dem Festpublikum den Mund nicht mehr aufkriegt.

Das wissenschaftliche Kernstück dieses Bandes aber ist der Aufsatz War Goethe Antisemit?, der nach dem täuschend leichtsinnigen Auftakt Goethe light Adolf Muschgs eigene Deutung der Goetheschen Grundkonflikte vorführt, fern aller Gemütlichkeit. Hier lässt Muschgs Analyse aller einschlägiger Passagen keine Hintertür, nachsichtig mit dem zeittypischen antisemitischen Denken zu sein, aber Muschg begnügt sich auch nicht mit dem Gesinnungstest, das moralisch Unerträgliche anzuzeigen. Dass sich Goethe etwa gegen das Emanzipationsgesetz von 1812 stellte, das die Ehe von Juden und Christen erlaubte. Oder dass die Verheißung der Wanderjahre vor Juden geschützt sein sollte. Es gibt viel derart Unangenehmes.

Doch Muschg sucht unter der Oberfläche. Im Judendeutsch, das Goethe, der später entschiedene Nichtchrist, als Kind im Frankfurter Ghetto hörte, erkennt Muschg die „Sprache der Selbstbehauptung und des Eigensinns“, die Goethe der universalen Sprache der Vernunft zeitlebens vorzog; in den alttestamentarischen Vätern Abraham, Isaak und Jakob sieht Muschg die Patriarchen einer Goetheschen Kindheit, die zu lieben den Widerspruch gegen die Väter einschloss.

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