Woran merkt man, dass ein Krieg verloren geht? Einmal an der Inflation des Wörtchens exit strategy, zum Zweiten am Zittern von Hand und Zunge. Da redet Prokonsul Paul Bremer plötzlich von Abzug, 48 Stunden später aber insistiert George Bush: Wir bleiben. In Nadschaf gehen US-Panzer in die Offensive, einen Tag später geht Außenminister Powell nach Canossa (alias Schuneh), wo er vor arabischen Granden bußfertig um Vergebung bittet. Drittes Signal: Seit voriger Woche glaubt eine Mehrheit der Amerikaner nicht mehr an Sinn und Wert des Krieges.

Es ist müßig, darüber zu spekulieren, ob oder wann die USA abziehen werden. Es ist aber noch nicht zu früh, über Lehren und Optionen nachzudenken: über die Kluft zwischen grandiosen Ambitionen und geizigen Mitteln, über das Unvermögen von Demokratien, Ordnungskriege durchzuziehen, die nur sehr indirekt der eigenen Sicherheit dienen, über das Anpacken von politischen Pathologien in einer Region, die an Gewalt- und Hassbereitschaft alles übertrifft, was der Westen je aufbringen könnte.

Beginnen wir mit den 110000 Soldaten, die noch im Irak sind. Das ist einer auf 240Iraker, genau das Verhältnis von Polizisten zu Einwohnern in New York. Freilich müssen sich die Cops von New York nicht mit Raketen und Abertausenden von Killern auf einem 600-mal größeren Territorium herumschlagen und gleichzeitig Schulen und Kraftwerke bauen. Ein anderer Vergleich: 1830 eroberten die Franzosen Algerien mit 30000 Mann, 1962 konnten sie es mit 600000 nicht halten. Fazit: Der Irak wird mit 110000 Mann bestimmt nicht zu beherrschen sein – nicht wenn alle Anrainer von Damaskus bis Teheran sowie alle Dschihadisten der Welt den USA dort ihr Dien Bien Phu wünschen.

Hier in Europa sollten das nicht einmal die wildesten Amerika-Hasser tun. Ein Al-Qaida-Staat in Bagdad, ein Baathisten-Regime in neuem Gewande, ein Sieg für die finstersten Kräfte der islamischen Welt? Anderseits wird bis zum 30. Juni keine Demokratie im Irak herrschen, zumal der eigentliche Krieg – der zwischen Schia-Land, Sunni-Dreieck und Kurdistan – gerade erst begonnen hat. Was dann? Machtübergabe an die UN? Dieser Traum ist genauso töricht wie der von der (militärisch richtigen) Verdoppelung der US-Präsenz. Die UN haben es noch nie geschafft, Sicherheit zu organisieren; dazu brauchten sie eine starke amerikanische Truppe, die sich aber nicht als Hilfssheriff andienen wird. Wer den Kopf hinhält, will die Kontrolle behalten.

Nach dem 30. Juni den Sieg erklären und abziehen? Das wäre ein Rezept für den Krieg aller gegen alle, den Zerfall in drei De-facto-Staaten und die Intervention ängstlicher oder gieriger Nachbarn. Angesichts lauter übler Optionen drängt sich ein Paradigmenwechsel auf: die Rücknahme des feinen, aber illusorischen Ziels der Demokratisierung zugunsten der altmodisch-realpolitischen "Stabilität". Der israelische Stratege Yossi Alpher hat den Unterschied an zwei Personen festgemacht. Kein arabischer Potentat ist so demokratisch gekürt worden wie Jassir Arafat, keiner hat aber als Terrorpate und Verweigerer eine so destruktive Rolle in Nahost gespielt wie er. Dagegen Muammar al-Ghaddafi, ein Diktator wie aus dem Lehrbuch: Mit ihm können wir gut leben, seitdem er Terror und Massenvernichtungswaffen abgeschworen hat.

Abschied von der Revolution

In einer Welt, an der seit 1989 die Winde des demokratischen Wandels spurlos vorbeigezogen sind, kann es nicht um die gute Gesinnung, sondern nur um das richtige Verhalten gehen. Deshalb sollte Amerika Abschied nehmen von liberal-revolutionären Träumen und zurückkehren zur realpolitischen Tradition seiner Außenpolitik. Um bei Ghaddafi zu bleiben: Der hat sich ja nicht aus purer Reue gebessert, sondern weil er die Realitäten amerikanischer Macht gespürt hat. Im irakischen Falle würden sich die Amerikaner auf einfach zu verteidigende Basen zurückziehen, um von dort aus das gewaltbewehrte Zünglein an der Waage des irakischen Machtkampfes zu spielen.

Das Ziel wäre nicht regime change, sondern character change in der Art Ghaddafis: eines Herrschers, der stark genug ist, um den Staat zusammenzuhalten, dies aber im Schatten amerikanischer Macht, die ihn davon abhält, den Terror zu alimentieren und mit Atomwaffen zu experimentieren. Weniger Ehrgeiz, aber mehr Erfolg wäre die Devise, der sich auch Amerikas abtrünnige Alliierte Berlin und Paris anschließen könnten. Denn es kann nicht ihr Interesse sein, dass mit Amerika aus der gefährlichsten Region der Welt eine Ordnungsmacht verschwindet, die Europa nie ersetzen wird.