Dies Ich war früher angelangt als ich,
Und ich war hier, in diesem Fall mein Seel,
Noch eh ich angekommen war.

Heinrich von Kleist, "Amphitryon" II. Akt, 1. Szene, Gespräch Amphitryon – Sosias

Hol den Vorschlaghammer
Sie haben uns ein Denkmal gebaut
und jeder Vollidiot weiß
dass das die Liebe versaut
Ich werd die schlechtesten Sprayer
dieser Stadt engagieren
Die sollen nachts noch die Trümmer
mit Parolen beschmieren

Wir sind Helden, "Denkmal"

Entstanden ist die Idee zu diesem Projekt im Marzipanmuseum, Lübeck, bei der Lektüre des Gästebuches. Schüler, Wochenendausflügler, Volkshochschulabordnungen, Touristen (dankbar: Entdecker aus den neuen Bundesländern; altklug: pensionierte Saarländer; unsachlich: Konditorinnen, offenbar trunken, beim Innungsausflug; übertrieben begeistert: Amerikaner; philosophisch abgekehrt: Japaner et cetera) – alle Besucher verrieten durch ihren Eintrag über die Bande des Ortes MARZIPANMUSEUM viel über sich selbst:

Wie kamen sie aufs Marzipanmuseum? Wie war das Wetter, die Laune, der Proviant, wie hat der HSV gespielt? Wie war Lübeck insgesamt? Eine Schulklasse hinterlässt ein nur scheinbar diffus collagiertes Typografiemonster – in Wahrheit ist es ein hochgradig berechenbarer, gerade im Disparaten zusammengehaltener Charakterfächer. In Schönschrift (Lisa, Klassensprecherin, Pferdeschwanz, Vater: Arzt) zunächst die Sachinformation: Schule, Klasse, Datum, eventuell ein Dank, ein generelles Schönhier. Dann die Signaturen: quer, auf dem Kopf, krakelig, obszön, verweigernd, sloganierend, mit Zeichnungen versehen (Mädchen malen oft die Klasse im Halbrund vor dem Lehrer, der in Frontalansicht neben einem Gemälde, Gebäude o. ä. steht. Jungs malen lieber Schwänze). Die Selbstdefinition in dieser Findungsphase gelingt Jugendlichen in der Regel nicht ohne Zuordnung und Abgrenzung – Logos geliebter Bands, Aufkleber mit Schauspielergesichtern werden den Namen beigestellt: Ich, Martin, höre das und hasse jenes. Am Rand lappt es aus, wird in Dialog getreten, auf andere Einträge reagiert. Diese menschliche Variante des Revierbepinkelns wird häufig auch über den dafür zur Verfügung gestellten Raum hinaus ausgeweitet, indem sich außerhalb des Gästebuchs (auf Wänden, Klotüren, Sitzbänken etc.) in der Tat verewigt oder auch in vorangegangene Eintragungen eingegriffen wird; Oberhand, Definitionsmacht und Besitzanspruch werden angezeigt per Übermalung, Ergänzung oder Kommentar. Als Schulklasse besichtigt man im Rahmen einer Exkursion so einiges, und so diversifiziert sich die Stimmungslage, ausweislich der Eintragungen. Selten sind sie in der Sache enttäuscht, eher generell destruktiv, erwartet wird ohnehin meist nichts, ist das Ziel ja in den seltensten Fällen selbst und freiwillig gewählt.

Im Gegensatz dazu gibt es auch Menschen, die den Weg nach Lübeck allein des Marzipanmuseums wegen auf sich genommen haben. Die folglich auch etwas erwartet haben. Und infolgedessen begeistert, aber auch enttäuscht, gelangweilt, Besseres gewohnt sein können. Sachliche Fehler, Ungenauigkeiten, Versäumnisse werden aufgelistet, die Sachkompetenz wird beiläufig untermauert durch einen Qualifikationsnachweis (Bin Konditor/Habe lange bei Niederegger gearbeitet/Wir sammeln seit langem Marzipanbrote aus aller Welt/Man muss kein Werwirdmillionärgewinner sein, um zu wissen, dass anders als in Ihrer Darstellung etc.). Auch konstruktive Kritik hat Platz: Wie wäre es noch mit/Kostproben würden das Erlebnis abrunden/Etwas ungenau schien mir.

Aufschlussreich ist darüber hinaus stets die Auflistung der zielführenden Verkehrsmittel: Nach einer schweißtreibenden Radfahrt/Das Gewitter bescherte uns Kanuten diesen ungeplanten Zwischenstop/Mit dem Wochenendticket aus Hamburg/Nach einer Busfahrt, bei der einigen ziemlich schlecht wurde, in Klammern Kerstin punktpunktpunkt, ich sag nur: usw. (Es folgt Anekdotisches.)