Gelegentlich wird’s bunt, wenn amerikanische Kollegen zu texten beginnen. "Cüül like Amon Düül" urteilte die Kritikerin der Village Voice über das Frühwerk der Band Animal Collective – als könne die Krautrock-Metaphorik Erste Hilfe leisten bei der feierlichen Ernennung von wirklich seltsamer neuer Musik. Dabei ist allenfalls die Ansammlung von im Amerikanischen unüblichen Vokalen typisch für Animal Collective. Hippie-Jargon, jazzverwandte Improvisation und rockhistorische Referenz sind dem hoch geschätzten Duo aus Brooklyn fremd.

Die beiden Musiker, die den Kern des Animal Collective bilden, tragen einen Teil der Verantwortung für die Mystifizierung der Band. Sie treten unter den Künstlernamen Avey Tare und Panda Bear auf, ihre Biografien sind nicht bekannt, Interviews geben sie nur wenige, und auf ihren Alben variieren sie, schwer ausrechenbar, über Songstrukturen und Soundsignaturen, die ein Stück Privatsphäre mitteilen, für das ich meine eigenen Bilder und Erinnerungen habe – der Schulfreund in seinem Jugendzimmer. Auf dem Kunstledersessel, der schon einen Riss hatte und notdürftig geflickt war, spielte Sieghard Schlagzeug. Saiteninstrumente wurden über einen alten Radio-Cassettenrekorder verstärkt, an dessen Kopfhörerbuchse ein Mikrofon angeschlossen war, das bei vollem Volume nun als Lautsprecher diente. Musik verwandelte sich in Klirren und Rauschen.

Mach mir den Tiger

Von stolzem Umfang ist die Liste der Qualitäten, die regelmäßig mit neuer Popmusik in Verbindung gebracht werden und die Animal Collective garantiert nicht einlösen. Es gibt keine Befreiung von lästigen Irrtümern, kein Überwinden überholter Spielformen, keinen Vatermord, keinen technologisch induzierten Innovationsschub, kein Fortgehen und Ankommen, nein, überhaupt nichts mehr in den rund vier Stunden Musik, die Animal Collective inzwischen auf CD veröffentlicht haben, das sich Entwicklungsmodellen von Kunst verpflichtet fühlen könnte.

Die Songs auf Sung Tongs, dem gerade veröffentlichten jüngsten Album der Band, breiten sich in alle Richtungen aus, sie machen sich frei von der Bringschuld der Popmusik. Einen Kanon werden sie damit nie bereichern. Die akustische Gitarre, Begleiter von Generationen von Songwritern bei der Einswerdung mit dem Universum, gibt keine Ruhe mehr auf diesem Album. Mal schlägt Avey Tare sie hart, dann stolpert er fast über die Saiten, nimmt Schwung auf, vergisst sich und die Welt. Eins der Schlagzeuge im Eröffnungsstück Leaf House könnte aus Büchse und Buntstift bestehen, der Sänger leiert ein paar "Ööö" und "Äää", die kurz in die Echokammer geschickt werden und verändert wieder auftauchen, geordnet zu einem ersten Ansatz von dem, was wir Text nennen: "ä-happy / this house is s-a-a-a-a-a-a-a-d".

Vielleicht habe ich mich auch verhört. Die Stimmen, die Trommeln muss ich wohl für die aus dem Jugendzimmer gehalten haben. Aus der Küche nebenan das Brutzeln des Fleischs. Der Sessel wurde mit Knüppeln bearbeitet, am Keyboard war genau eine Taste mit einem zusammengefalteten Papierchen auf Dauerton gestellt. Außerdem gab es einen ausrangierten Jogurtbecher, der als Rhythmusinstrument diente, gefüllt mit Kügelchen von Füllfederhalterpatronen. "Lalalala – where is my dog?" Sieghard machte irrsinnige Schepper-Aufnahmen. Er war vielleicht 14 damals.

Animal Collective spielen Lieder aus dem vorintellektuellen Raum. We Tigers heißt eines der schönsten, eine Stimme bellt "wu-wuwu", als ob gerade einem Kleinkind erklärt werden soll: Ja, so macht der Hund! Bald wird daraus ein kanonartiger Vortrag mit Basstrommel und verzerrten Gesangsspuren entstehen. Aufregung, Durcheinander. Tigertigertigertigertiger. In solchen Zeremonien, die nur schnappschussartig auf Gefühle oder Erfahrungen rekurrieren, ist der Kern des Neuen, für das Animal Collective seinen Kopf so tapfer hinhält, schon enthalten – die Entfernung des Subjekts aus dem Song. Das Ich schreit noch ein paar Mal aus den Soundschlieren, dann taucht es unter, nicht etwa als provokante Antithese zu den bekannten Halbgöttern im Songwriting, nein, einfach, weil es keinerlei Bedürfnis nach Zentrum mehr gibt.

Panda Bear spielt keine Jogurtbecher, aber vom Tape hören wir es klickern und klackern, Knirschgeräusche treten in die Songs und wieder heraus, plötzlich setzt ein Hand-Clapping ein. Spiel ist beim Animal Collective der Moment, in dem diese Dinge miteinander verbunden oder verlötet werden. Das passiert im Sekundentakt, es qualmt noch aus den Maschinen. Die kurzfristigen Unterstreichungen und Tempoerhöhungen erzählen von den Sekunden der Aufnahme, von sonst nichts. Aus der Nähe betrachtet, können solche Aufnahmen gar heitere Züge annehmen, Stimmen, die man historischen Field-Recordings zuordnen würde, melden sich mit dem Kommentar der Stunde zur Bildungsmisere: "You don’t have to go to college."