Carmen Thomas hatte Glück. Als sie 1973 in die Männerdomäne der Sportstudio- Moderation einbrach, konnte sie gleich einen Coup präsentieren: den Verriss der laufenden Sendung. "Irrsinnig nervös, unsicher vor der Kamera" sei sie gewesen, so würde es am nächsten Tag in der Bild- Zeitung stehen. Freunde hatten ihr das Manuskript zugespielt.

Anke Engelke hatte dieses Glück nicht. Über sie war der Stab schon gebrochen, als der Sender Sat.1 vor Weihnachten bekannt gab, Harald Schmidts abrupt geräumten Sendeplatz mit ihr besetzen zu wollen. Kollegen von Rudi Carrell bis Thomas Gottschalk hatten geunkt: zu nervös. Zu unsicher. Irgendwie talentiert, aber unvergleichlich mit unserem Harald.

Mit dieser Prophezeiung konnte man nicht viel falsch machen. Seit Schmidt dazu übergegangen war, die goldenen Regeln der Fernsehunterhaltung mehr oder minder kunstvoll zu brechen, gab es keinen Maßstab mehr für ihn. Entsprechend maßlos wuchs die Verehrung. Er wurde zur Integrationsfigur für Menschen, die zuvor behauptet hatten, gar keinen Fernseher zu haben, und seit seinem Abgang jammern, das Fernsehen sei nicht mehr, was es einmal war.

Bei ihrem Debüt am Montagabend machte Anke Engelke viele, vielleicht zu viele Späße über die Unkenrufe und Vergleiche. Wie sie im Ernst damit umgehen will, verrät das Konzept der ersten Sendung: den Lebensgefährten in der Begleitband haben, Freunde und Mitarbeiter im Studiopublikum. Trotz der knappen Sendezeit vier Gäste, von denen zwei – Stefan Raab und Bastian Pastewka – ebenso gut als Co-Moderatoren durchgehen könnten. Mehrere Einspielfilme mit dem bewährten Ladykracher-Repertoire.

Man wolle mit der fünfzigsten, mit der fünfhundertsten Anke Late Night brillieren, hatte die Kölner Produktionsfirma Brainpool mitgeteilt. Für die erste seien keine Überraschungen geplant. So weit ist der Plan aufgegangen. Was man am Montag sah, war solides Mittelmaß, an Pannen so arm wie an Pointen. Die Stand-up-Comedy zur Begrüßung litt weniger am unerwartet zaghaften Vortrag als an den flauen Gags zum Tagesgeschehen ("Pkw-Maut ist Straßenstrich ohne Sex", "Wer in der Schule nichts wird, kann immer noch Lehrer werden"). Die Hoffnung, der Stargast Sting und der Grand-Prix-Sänger Max würden schon miteinander ins Gespräch kommen, weil beide Musiker sind, erwies sich als naiv. Sting, der Zielgruppe wohl eher aus der elterlichen Plattensammlung vertraut, saß seine Zeit mit einer Miene ab, die unheilvoll an Bill Murray in Lost in Translation gemahnte, und verübeln konnte man es ihm nicht.

"Das Wichtigste ist: kein Ehrgeiz, es bei so einer Sendung besonders gut machen zu wollen. Einfach plätschern lassen." Das war Harald Schmidts Credo für seinen Abschied. In diesem Fahrwasser bewegt sich Anke Engelke fort. Aber manches deutet darauf hin, dass es auch flotter geht. Das sind Albernheiten wie die, den leibhaftigen Roger Willemsen als "Klugscheißer-Actionfigur" auf Rädern umherzurollen. Das sind kleine Tollpatschigkeiten, die improvisiert wirken, auch wenn sie es sicher nicht sind: die ängstliche Aufwischbewegung etwa beim verschütteten Glas Wasser. Das sind die gelinde peinlichen Fragen, mit denen Anke Engelke Sting doch noch ein paar persönliche Worte zum Eheleben während der Tourneen aus der Nase zog.

Mehr davon könnte Anke Late Night das Stammpublikum eintragen, das eine solche Sendung braucht. Das werden nicht die Millionen sein, die sich an den Ladykrachern erfreuen, aber vielleicht die Kritiker und Fernsehverächter, die niemanden höher achten als den, der sie jeden Abend für ein paar Minuten von ihrem Pessimismus erlöst. So war es bei Harald Schmidt, der lange als Letterman-Verschnitt gehandelt wurde. Warum sollte es nicht noch einmal geschehen? Anke Engelke, die schon als Kind auftrat, hat mehr Fernseherfahrung als viele von denen, die ihr väterlich raten. Und sie hat mit Blind Date und der vom Publikum leider verschmähten tragikomischen Serie Anke bewiesen, dass sie Dinge kann, die man im deutschen Fernsehen noch nicht gesehen hat. Es braucht nicht viel Mut für die Prophezeiung, dass man auch Anke Engelkes Nachfolger überfordert nennen wird. Es fragt sich bloß, ob nach der fünfzigsten Late-Night oder nach der fünfhundertsten.