Wenn zwei eigenwillige Partner zueinander finden, ist das anfangs für beide Seiten irritierend. Am vergangenen Wochenende haben Gewerkschaften und die Globalisierungskritiker von Attac erstmals einen gemeinsamen Kongress in Berlin veranstaltet ( www.perspektivenkongress.de ). Als DGB-Vize Ursula Engelen-Kefer dort auf einem der Podien saß, fand sie sich politisch am rechten Rand wieder, ausgerechnet sie, die in der Öffentlichkeit als linker Betonkopf gilt. In einer Debatte um die Finanzierung des Sozialstaates hob Engelen-Kefer an: "Keiner bestreitet, dass Reformen notwendig sind…", da wurde sie schon durch einen Zwischenruf unterbrochen. "Doch!" Als sie ein höheres Renteneintrittsalter verlangte, rebellierte der Saal. Dafür schauten beim VIP-Empfang am Abend einige Attacies etwas säuerlich – den Vegetariern knurrte der Magen, und auf dem kalten Buffet standen fast nur Fleischhäppchen.

Mehr als ein Jahrhundert lang war die SPD die Partei der Arbeiterklasse. Nun folgt sie der Agenda 2010, und weder in Hinterzimmergesprächen noch mit Demonstrationen haben die Gewerkschaften das verhindern können. Den Gewerkschaften sei "der parlamentarische Arm verdorrt", formulierte es Horst Schmitthenner vom Vorstand der IG Metall auf dem Kongress drastisch. Einige liebäugeln mit einer neuen Linkspartei. Doch die Gewerkschaftsspitzen hoffen auf den Druck der Straße, suchen neue Partner und finden sie vor allem bei Globalisierungskritikern. Dass ein solches Bündnis erfolgreich sein kann, zeigte der 3. April, als bundesweit eine halbe Million Menschen gegen die Bundesregierung demonstrierte. Wie es damit weitergeht, sollte auf dem "Perspektivenkongress" am Wochenende besprochen werden.

Bei Attac ist die Kooperation mit den Gewerkschaften inzwischen akzeptiert, anders als vor einem Jahr, als es noch einen Aufstand der Basis gab, weil der Koordinierungskreis gemeinsam mit dem DGB eine Resolution veröffentlicht hatte, die nicht alle Maximalforderungen der Globalisierungskritiker enthielt. In den Gewerkschaften dagegen bleibt der neue Partner umstritten. Hubertus Schmoldt, Kanzlerfreund und Chef der IG Bergbau, Chemie, Energie (BCE), macht keinen Hehl daraus, dass ihm die radikalen Töne nicht gefallen. Der DGB laviert. Die IG Metall ist gespalten in das Lager des Vorsitzenden Jürgen Peters, der das Bündnis fördert, und die Leute um Vizechef Berthold Huber, die überhaupt nichts davon halten. Zu den Trägern des Berliner Kongresses gehörte neben ver.di und der Lehrergewerkschaft GEW – beide sind sogar Mitgliedsorganisationen von Attac Deutschland – auch die IG BAU. Deren Vorsitzender Klaus Wiesehügel erzählt, wie er kürzlich vom Chef der Polizeigewerkschaft beiseite genommen wurde. Er habe ihm ein Video von Ausschreitungen beim G8-Gipfel in Genua 2001 vorgeführt und gefragt, ob er mit solchen Chaoten zusammenarbeiten wolle. Wiesehügel sagt, Attac habe sich glaubhaft von Gewalt distanziert. Und außerdem: "Es gibt im Augenblick nicht so viele mögliche Bündnispartner."

Es ist ein ungleiches Paar, Gewerkschaften und Attac sind wie Hochseetanker und Schlauchboot – die einen groß, aber träge und leicht angerostet; die anderen klein, wendig und so hip, wie es Greenpeace einmal war. Die kulturellen Unterschiede und verschiedenen Interessen führen zu Spannungen. Die Gewerkschaften vertreten mehr als sieben Millionen Mitglieder, und wenn es an deren Geldbeutel geht, ist es mit der Offenheit schnell vorbei. Als ver.di kürzlich ein gemeinsames Steuerkonzept mit Attac erstellt hat, wollte die Gewerkschaft die Streichung der Eigenheimzulage lieber nicht mittragen. Ähnlich uneinheitlich ist das Bild bei der Handelspolitik: In den Gewerkschaften gibt es starke Stimmen für eine Abschottung der Märkte, die Globalisierungskritiker dagegen fordern einen gerechten Welthandel. Und auch im Umweltschutz haben IG BCE und IG Metall gerade wieder ihre konservativen Positionen bewiesen. Beim Streit um den Emissionshandel standen sie – anders als Attac – aufseiten der Industrie. Beide Seiten trennen grundsätzlich verschiedene Wirtschaftskonzepte: Die Gewerkschaften setzen auf Wirtschaftswachstum und eine keynesianische Finanzpolitik. Die Globalisierungskritiker haben sich davon bereits verabschiedet.

Kaum einer der Streitpunkte wurde auf dem Kongress angesprochen, keiner von ihnen geklärt. Man hat Aktionen vereinbart, zum Beispiel gegen Privatisierungen oder die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe. Außerdem sollen auf lokaler Ebene ähnliche Bündnistreffen stattfinden. Gut möglich, dass dort dasselbe passiert wie am Wochenende in Berlin. Da gifteten sich in einem der Workshops Arbeitsamtsmitarbeiter und Vertreter von Erwerbsloseninitiativen an, warfen sich gegenseitig Faulheit und faschistoide Methoden vor. Unehrlich redete man auch über die Bürgerversicherung: Alle Redner waren für ihre Einführung, aber dass dann auch Rentner Beiträge zahlen müssten, sagte im Beisein der Seniorenvertreter lieber niemand – weder Gewerkschafter noch Attacies.

Man müsse einander nur zuhören und respektieren, hieß es immer wieder, dann könne man auch gemeinsam kämpfen. Für ein dauerhaftes Bündnis ist das zu wenig.