Brüssel
Von den Fritten bis zur Fahrschule lässt sich mit den zwölf goldenen Sternen auf blauem Grund in Brüssel für alles werben. "Die Hauptstadt Europas", das Etikett haftet dieser Stadt an. Belgiens Premierminister Guy Verhofstadt geht das Wort so leicht von den Lippen wie EU-Kommissionschef Romano Prodi oder Parlamentspräsident Pat Cox. Ein Epitheton ornans, formelhaftes Beiwort, ungefähr wie grüne Wiese.

Vorbei die Zeiten, da Polen oder Ungarn dagegen aufbegehrten, weil mal wieder "Europa" mit der Europäischen Union gleich- und alle Nichtmitglieder zurückgesetzt wurden. Jetzt hat die Diskriminierung ein Ende, mit der Erweiterung gehören die allermeisten Länder wirklich dazu.

Und Brüssel schwillt vor Stolz die Brust. "Alle Menschen werden Brüder", klingt es in Beethovens Freude, schöner Götterfunken, der Hymne Europas, bei offiziellen Anlässen nur konzertant zu hören, weil Vielsprachigkeit offenbar zum Verstummen führt. Und wer dieser Tage in der Frühlingssonne auf der Place du Luxembourg gleich hinter dem Europäischen Parlament am Espresso nippt oder sein Guinness oder Geuze-Bier zischt, umklungen und umschlungen von zwei Dutzend EU-Sprachen an zwei Dutzend Nachbartischen, der wird, wenn er es nicht längst war, wirklich gläubig. Hauptstadt Europas, ach wie schön, und so friedlich. Elysium mit zwei Buchstaben? EU!

"Lauter entspannte Dörfer"

Papperlapapp! Die Gäste der Straßencaf‚s kehren gerade auf diesem Platz den europäischen Institutionen den Rücken und mimen ein bisschen Pariser Boulevard. Zu kalt, zu glatt, zu hässlich sind jene Protzbauten der Kapitale Europas, vom glasglitzernden Parlament über das lachsglatte Ratsgebäude bis zum frisch gelifteten Berlaymont, wo die Arbeiter letzte Hand anlegen, ehe die Kommission wieder einzieht. Früher, bevor Europa kam, stand hier ein Kloster. Von seiner innerweltlichen Askese muss sich einiges konserviert haben in der geschlossenen Gesellschaft dieser Institutionen. Der Funktionalismus der ersten Adressen der EU frisst jede Repräsentation, jede Anschaulichkeit.

Wer an die Hauptstadt Europas denkt, dem fällt auch nach einem halben Jahrhundert kein Weißes Haus, kein Reichstag, keine Hofburg ein. Allabendlich, wenn im Fernsehen von europäischen Entscheidungen die Rede ist, werden diese Bollwerke für den Zuschauer von Polen bis Portugal zur Inkarnation Europas. Nur verbindet niemand etwas mit ihnen - außer Bürokratie. Kein Wunder, wenn der französische Intellektuelle R‚gis Debary einmal darüber klagte, Europa sei nicht "sexy". Mit Brüssel hat dieses architektonische Niemandsland irgendwie nichts zu tun - und eben doch wieder, wie die Rede von der Hauptstadt belegt. Auch die Neubauten, die im Quartier Europ‚en jetzt allenthalben emporschießen, damit auch die Neulinge in der Union ihren angemessenen Platz finden, passen sich dem seelenlosen Bild an.

Rund 21.000 der insgesamt 35.000 EU-Beamten, im Brüsseler Jargon nur Eurokraten genannt, leben in dieser Stadt. Mit der Erweiterung kommen 6.300 Stellen dazu, die meisten in Brüssel. Statistiker schätzen, dass durch die europäischen Einrichtungen, Nato inklusive, mittlerweile rund 100.000 Europäer in die Stadt zogen, Tendenz steigend, ein Wirtschaftsfaktor von Gewicht. Macht bei knapp einer Million Einwohner einen Anteil von gut zehn Prozent. Der Ausländeranteil in Brüssel liegt aber bei rund 30 Prozent. In der belgischen Metropole leben etwa doppelt so viele Marokkaner wie Franzosen. Die Zentralafrikaner haben ihr Lieblingsviertel in Matonge - die paar Straßenzüge unweit des Stadtpalastes wurden nach einem Stadtteil von Kinshasa benannt. Türken und Chinesen, Vietnamesen und Nordafrikaner färben das Stadtbild kunterbunt, sodass die EU-Europäer kaum noch auffallen, haben sie ihr Quartier Europ‚en erst einmal verlassen.