Bücher, 12.000 Bücher! Die letzte Verbindung zur Zivilisation, zu den Menschen sind seine Bücher. Ansonsten hat er alle Brücken hinter sich abgebrochen und ist abgetaucht: In Jules Vernes Buch 20.000 Meilen unter den Meeren ist er mit der Nautilus auf Entdeckungstour. Alles, was er zum Leben braucht, entnimmt er den Ozeanen. Außer den ganz praktischen Dingen des Lebens hat er von der Erdoberfläche nur seine Bibliothek mitgenommen: 12.000 Bücher, von den Klassikern der Weltliteratur bis zu wissenschaftlichen Publikationen, Schwerpunkt Naturgeschichte. Das ist Kapitän Nemo.

Nemo erlebt zurzeit eine Renaissance – als Fisch in einem Zeichentrickfilm. Ich hoffe, dass davon auch ein wenig Neugierde überschwappt zu den Abenteuern, die Kapitän Nemo, der Naturforscher Pierre Arronax und seine beiden Gefährten, der Diener und Assistent sowie der Harpunier Ned Land, bestehen müssen. Zu Jules Vernes Zeiten war an Zeichentrickfilme nicht zu denken, obwohl der Begründer der modernen Science-Fiction-Literatur gedanklich viel vorweggenommen hat, was erst spätere Konstrukteursgenerationen Wirklichkeit werden ließen. Um die Welt der Ozeane in meinem Kopf entstehen zu lassen, um ein Bilderkino zu haben, brauchte ich auch keine Bilder auf Leinwand oder Mattscheibe.

Auch so war ich fasziniert von den Beschreibungen, die sich detailversessen über die genauen Längen- und Breitengrade von Ceylon ausließen, technische Spezifikationen der Nautilus beschrieben oder die Häuser von Atlantis aus den Tiefen der Meere direkt in mein Kinderzimmer holten. Dieses Buch nahm mich mit in eine andere Welt: Hier fand ich Spannung, Abenteuer, Helden, vielleicht auch Vorbilder.

Dieses Buch, wie auch andere von Jules Verne, weitete mir den Horizont. Hinzu kamen Bücher von Jack London und Mark Twain. Mein Welt endete nicht an der Spree oder der Atlantikküste. Der Mississippi war mir vertraut durch Tom Sawyer und seinen Freund Huckleberry Finn und damit auch andere Zeiten und Gesellschaften. Faszinierend auch ein heute weitgehend vergessenes Buch: Einst wird kommen der Tag von Taylor Caldwell. Darin werden die early days in den USA beschrieben– als rau, aber auch voller Möglichkeiten. In den 1830er Jahren kommt der 13-jährige Ernest Barbour mittellos in die Neue Welt und steigt auf zum mächtigsten Rüstungsindustriellen der Landes – alles dank einer Erfindung seines Vaters, die er brutal und eiskalt für seinen wirtschaftlichen Erfolg umsetzt.

Vier Millionen Erwachsenen in Deutschland, die trotz Schulbesuchs gar nicht oder nur unzureichend lesen und schreiben können, sind diese Welten verschlossen. Die Tür zum Reichtum von Kultur und Wirtschaft sollten wir öffnen, indem wir das Lesen und die Lesekultur fördern – am besten mit solch spannenden Büchern, die Lust aufs Lesen machen.

Der Maschinenbau-Ingenieur Hartmut Mehdorn, 61, ist seit 1999 Chef der Deutschen Bahn. Zuvor leitete er die Heidelberger Druckmaschinen AG. Er hat drei erwachsene Kinder