Franzensbad im böhmischen Bäderdreieck: 5500 Einwohner, zwanzig Heilquellen, ein Kasino. Ein Paradies für preisbewusste Senioren aus dem Westen. Hof in Oberfranken: eine Stadt an der deutsch-deutschen Narbe, seit 1998 ohne Unterbrechung "kundenfreundlichste Stadt Deutschlands" mit 37 Modegeschäften bei knapp 50000 Einwohnern. Zwischen den beiden Orten liegt die deutsch-tschechische Grenze. Einheimische überqueren sie eher selten – und wenn, dann vor allem zum Einkaufen. Eine Supermarktkette mit Filialen auf beiden Seiten wirbt deshalb in Deutschland für ihre tschechischen Ableger und in Tschechien für ihre deutschen – weil im Nachbarland jeweils bestimmte Produkte billiger sind. Von derlei monetären Interessen einmal abgesehen, stehen Tschechen und Deutsche im Grenzgebiet "Rücken an Rücken zur Wand", wie Gerald Prell sagt.

Während die eine Mannschaft spielt, paukt die andere Vokabeln

Prell ist einer von drei Ideengebern, deren Einfall nun die Menschen auf beiden Seiten der Grenze einander näher bringen soll. Ihr Plan ist simpel: Wenn schon die Erwachsenen den Weg zueinander kaum finden, dann müssen eben die Kinder den Anfang machen. Helfen soll dabei der Fußball. Deshalb gründete Prell, mittlerweile deutscher Chef einer grenzübergreifenden Projektagentur namens Idor, die deutsch-tschechische Fußballschule. Unter der Ägide des Fußballclubs Bayern Hof und seines Franzensbader Pendants, dem FC Franti∆kovy Láznfl, lehrt sie Jungs aus beiden Ländern den Umgang mit dem Leder – und gleichzeitig den mit den Nachbarn.

Der sportliche Beitrag zur Völkerverständigung begann zaghaft; die Vorbehalte waren auf beiden Seiten groß. "Die Deutschen waren hier früher die Bösen", sagt Ji≤í Knedlík, der tschechische Idor-Chef. Weil viele deutsche Eltern anfangs um die Sicherheit ihrer Kinder jenseits der Grenze fürchteten, trainierten die Kicker erst einmal nur in Hof. Das erste Training in Tschechien gab es erst nach einem halben Jahr: Es dauerte, die Ängste der Deutschen zu überwinden. Seitdem pendeln die Nachwuchs-Fußballer für jedes Training zwischen Ost und West.

Der Zaun, der die Völker bis zur Wende trennte, ist längst Geschichte. Auf dem Rasen sollen nun die geistigen Schranken fallen. Deswegen lernen die Fußballer neben der Spieltechnik die Sprache ihrer Nachbarn. An den zwei Trainingsnachmittagen pro Woche wechseln sich die zwei Mannschaften deshalb ab: Während eine Gruppe kickt, paukt die andere Deutsch und Tschechisch. Da erfahren dann Sven und Felix, dass Torwart branka≤ heißt und Pokal pohár; Matflj und Václav versuchen sich derweil an "Elfmeter" oder "Stürmer".

Das Wissen umzusetzen ist nicht immer leicht. "Bis mir einfällt, was ‚zurück!‘ auf Tschechisch heißt, ist der Ball schon im Tor", sagt etwa der neunjährige Felix, der seit ein paar Monaten bei der Fußballschule mitmacht. Doch bei den Älteren klappt die zweisprachige Verständigung auf dem Spielfeld schon ganz gut – und immer besser kommen sie auch außerhalb der Fußballplätze in der jeweiligen Fremdsprache zurecht, da sie nicht nur Fußball-Vokabeln lernen. "Das große Interesse der Jungs ist der Fußball", sagt Pavel Mar‡ík, der tschechische Betreuer der Schule. "Die Sprache lernen sie nebenbei – was sie davon haben, werden sie erst später begreifen."

Die Eltern der Kicker haben das schon jetzt verstanden. Tschechien ist ein kleines Land – und so leuchtet es östlich der Grenze leicht ein, dass es wichtig ist, die Sprache des großen Nachbarlandes zu lernen. Die umgekehrte Einsicht fällt den Deutschen oft schwer. Doch auch sie sehen, dass ihr Nachwuchs profitieren kann. "Die Arbeitsplätze in unserer Region sind so dünn gesät, wenn mein Sohn später in seine Bewerbung schreiben kann, dass er Tschechisch spricht, wird er Vorteile haben", sagt etwa Günter Leppien.

Keine deutsche Schule in der Region bietet Tschechisch an