Schule Eltern sind das Volk

Eltern werden ruhig gestellt, Schüler sitzen gelassen, und die Lehrer hocken in goldenen Käfigen – ein Gespräch mit Renate Hendricks über 25 Jahre Elternarbeit

Frau Hendricks, seit 25 Jahren sind Sie Elternvertreterin. Wer ist Ihnen mehr auf die Nerven gegangen: Lehrer oder Eltern?

Keiner von beiden. Ich habe Eltern in wirklicher Not erlebt, in totaler Verzweiflung, weil sie sich in Konflikten der Schule nicht erwehren konnten. Und ich habe Lehrer erlebt, die völlig beratungsresistent waren, kein Interesse an Schülern hatten und nicht in Schulen gehören. Die waren lästig. Aber mein Gefühl war: Denen muss man helfen, die kommen mit dem System nicht klar.

Warum können Eltern und ihre Vertreter sich in der Schule so oft nicht durchsetzen?

Das Schulsystem sieht Eltern als Partner gar nicht vor. Elternarbeit ist größtenteils eine Alibiveranstaltung, die Eltern ruhig stellen soll. Es gibt in unserer Schule keine Kultur des Miteinanders, der gegenseitigen Beratung, des Vertrauens.

Anzeige

Wollen Eltern überhaupt eine schulpolitische Vertretung? Möchten die meisten nicht einfach ihr eigenes Kind irgendwie durchbringen?

So ist es. Die Schule ist ein System, in dem Eltern mit ihren Kindern gemeinsam ums Überleben kämpfen. Und die Lehrer sind die Mächtigeren. Sie machen den Unterricht, und sie vergeben die Zertifikate, die über Wohl und Wehe der Kinder und ihrer Lebenswege entscheiden. Das übt einen enormen Anpassungsdruck aus. Wenn es zum Schwur kommt, verbünden sich deshalb Eltern oft mit dem Lehrer – gegen Elternvertreter.

Es ist also reibungsloser, sich aus Elternarbeit rauszuhalten – und auf Nachhilfe zu setzen?

In Deutschland werden 3,5 Millionen Euro im Jahr für Nachhilfe ausgegeben. Das können sich nur Familien leisten, die lediglich ein oder zwei Kinder durchs System schleusen müssen. Erst wenn mehr als zwei Kinder da sind, sagen Eltern: „Nur anpassen geht nicht, ich muss hier fünf Kinder durchbringen.“ Solche Eltern fragen dann nach Qualität von Lehrern und Unterricht, sie legen sich auch mit der Schulleitung an, sie sind der Stachel im Fleisch des Systems.

Fahren die Bildungsschichten nicht ganz gut mit dem System? Es sichert ihren Sprösslingen doch einen Wettbewerbsvorteil vor möglicher Konkurrenz, macht sie zu Gewinnern, oder?

Die Bildungsschichten haben schon in der Weimarer Republik mehr Bildung für sich erschlossen als für andere. Und jetzt sind uns andere Gesellschaften überlegen. Wenn, wie die Schulstudie Pisa gezeigt hat, ein Viertel der Jugendlichen hierzulande nicht richtig lesen und rechnen kann, wenn 25, 30 Prozent junge Menschen hier leben, die nicht integriert und ausgebildet sind, dann ist dies eine Last, die wir allen unseren Kindern aufbürden. Diese Jugendlichen haben es schwer, Ausbildung und Arbeit zu finden. Und wer finanziert dann die Kosten des Sozialsystems? Also sollte dem Bürgertum, schon im Interesse des eigenen Nachwuchses, eine optimale Bildung aller Kinder am Herzen liegen.

Schuld am Abrutschen der Kinder ist doch auch häufig die Familie, nicht die Schule. Muss man nicht Eltern stärker in die Pflicht nehmen?

Richtig. Schulen sollten ihre Erwartungen an die Eltern klar formulieren und nachhaken, wenn sie nicht erfüllt werden. Wir brauchen eine Beteiligung der einzelnen Eltern. Mit denen muss verabredet werden, was ihr Kind in einem Zeitraum lernen soll, wie sie als Eltern es unterstützen können und wie die Schule ihnen dabei helfen kann. So wird Vertrauen aufgebaut.

Viele Eltern lassen sich aber weder auf Elternabenden blicken noch bei Elternsprechtagen.

Um solche Eltern müssen sich die Schule und die Gemeinde kümmern. In England werden Eltern von der Geburt ihrer Kinder an begleitet. Beratungsorganisationen tun sich zusammen, um Eltern und Kinder durch Kitas und Schule zu begleiten. An vielen englischen Schulen gibt es Elterncafés. Morgens bittet die Schulpsychologin Mütter, die von sich aus nie gekommen wären, auf einen Kaffee. Auch so bindet man Eltern ein.

Aber nicht wenige Eltern sind viel beschäftigt. Gibt es auch Grenzen der Belastbarkeit?

Auf jeden Fall. In den letzten 20 Jahren sind die Anforderungen an Eltern, Defizite des Systems aufzufangen, enorm gestiegen. Und dieser Stress, wenn sie in einer Woche fünf Kuchen backen sollen. Wenn sie antreten müssen zum Streichen, fragt man sich, wozu eigentlich Steuergelder da sind. Schulen müssen sich offensiv zur Gemeinschaft öffnen. Handwerker, Musiker, Kaufleute könnten mit Lehrern zusammenarbeiten und die Schule enorm bereichern. Ich denke besonders an die Generation zwischen 50 und 70.

Gibt es eigentlich auch Eltern, die mit den Schulen ihrer Kinder ganz zufrieden sind?

Ja, in der Grundschule. Danach nimmt die Zufriedenheit drastisch ab. Wenn Eltern an weiterführenden Schulen gefragt werden, ob ihr Kind gefördert wird, sagen sie zu 80 Prozent nein.

Woran liegt das?

In den weiterführenden Schulen wird das Augenmerk auf die Frage gerichtet: Wen müssen wir loswerden? Besonders im Gymnasium und in der Realschule steht die Frage im Raum: Wer gehört hier nicht hin? Solange man ein gegliedertes Schulsystem hat, werden Kinder, die Probleme machen, abgeschoben, man entledigt sich ihrer.

Aber nein, man kennt doch an allen Schulen Lehrer, die sich für Kinder engagieren, es gibt heute schon Schulen, die kleine Idyllen sind!

Leider sind das nur sehr wenige Schulen. Aber richtig ist: Eine Schule mit einem guten Schulleiter und einem überzeugten Kollegium kann sich entscheiden, alle Schüler mitzunehmen.

Bringen Ganztagsschulen die Lösung?

Sie werden nur dann ein Erfolg, wenn sie so attraktiv sind, dass die oberen Schichten ihre Kinder dorthin schicken. Leider sind die meisten Ganztagsschulen derzeit nichts anderes als die alte Halbtagsschule mit Mittagstisch und billiger Hausaufgabenbetreuung. Wenn das so bleibt, werden die Ganztagsschulen so einen schlechten Ruf bekommen wie die Gesamtschulen.

Keine bessere Schule ohne bessere Lehrer. Wie lässt sich die Qualität des Unterrichts heben?

Lehrer müssen ganz anders motiviert werden. Die Lehrerschaft ist der letzte Hort des Sozialismus in Deutschland. Jeder – ob gut oder schlecht – bekommt das gleiche Gehalt. In Finnland gibt es ein Grundgehalt, das relativ niedrig ist, etwa 2500 Euro. Aber alles was, darüber hinaus gemacht wird, wird bezahlt. Ein Klassenleiter bekommt zwei zusätzliche Stunden in der Woche bezahlt. Es gibt einen ganz anderen Anreiz, neue Aufgaben zu übernehmen.

Können Lehrer nicht von sich aus Initiative zeigen?

Sie stecken im goldenen Käfig der Unkündbarkeit. Lehrer fühlen sich zwar häufig gegängelt, aber im Prinzip sind sie Freiberufler mit öffentlicher Anstellung und einer minimalen Präsenzzeit in der Schule. Aber ihr Arbeitgeber, der Staat, lässt sie allein. Er bildet sie aus, steckt sie in die Schule und kümmert sich dann nicht mehr um sie.

Wie ist Ihre Bilanz nach 25 Jahren Elternarbeit?

Die Meinung der Eltern ist gefragter als früher. Die Eltern beklagen sich nicht mehr nur über ausgefallenen Unterricht, sondern sie fragen nach seiner Qualität. Und da haben sie durch die Veränderungen nach der Pisa-Studie ganz neue Möglichkeiten, auf die Schulen einzuwirken. Zum Beispiel werden in vielen Bundesländern so genannte Lernstandserhebungen eingeführt. Es wird also geprüft, wo die Schüler stehen, auch im Vergleich der Schulen untereinander. Damit bekommen die Eltern endlich objektive Daten, um nachzufragen, warum an der Schule ihrer Kinder etwas gut oder schlecht läuft.

Wenn Sie selber an einer Schraube drehen könnten, um Schule zu verbessern, welche wäre das?

Die Schulleiter müssen mehr Macht bekommen. Sie sollten über die Verwendung des Schuletats entscheiden und die Lehrer einstellen. Dazu müssen sie auch Manager sein, nicht nur Pädagogen. Gute Leute bekommt man nur, wenn sie auch mehr Geld verdienen. Schulleiter sollten außerdem nur auf Zeit eingesetzt werden. Der Bundeskanzler regiert schließlich auch nicht bis zur Rente.

Es gibt ja keinen Mangel an Ideen, wie es besser laufen könnte. Aber wie kommt Bewegung rein?

Wahrscheinlich brauchen wir einen Aufstand der Eltern. Nennen Sie es Eltern-Power! Die Eltern sind das Volk. Aber bis sie sagen: So nicht mehr, muss der Leidensdruck wohl noch größer sein.

Das Gespräch führten Thomas Kerstan und Susanne Mayer

Renate Hendricks , 52, war von 1998 bis Mai 2004 Vorsitzende des Bundeselternrats. Seit 1979 arbeitet die Diplom-Sozialpädagogin und Mutter von fünf Kindern als Elternvertreterin

 
Service