Eigentlich war sie zu schön, um wahr zu sein: die Demonstration gegen Demonstrationen. Vergangene Woche, als es so aussah, als könne das Filmfestival von Cannes durch gewerkschaftliche Aktionen sein schickes Gesicht verlieren, formierten sich die aufgebrachten Einwohner des Städtchens schon einmal vorbeugend. Von den intermittants du spectacle, den um ihre soziale Absicherung kämpfenden Zeitarbeitern im französischen Kulturbetrieb, wollte man sich das Geschäft nicht verderben lassen. Also zogen Bürger und Ladenbesitzer aufgebracht über die Rue d’Antibes, jene mit frisch poliertem Marmor verzierte Einkaufsstraße, in die während der Filmfestspiele das große Geld geschaufelt wird. "Wir sind reich, na und?" war auf einem Transparent zu lesen. Nur in Cannes, zwischen Gucci, Sportjachten und verfetteten Schoßhündchen, kann sich bürgerliche Besitzstandssicherung so ungebrochen zum Slogan fügen. "Vive l’argent!", skandierte eine ältere Dame im Kostüm – "Es lebe das Geld!"

Die Befürchtungen der spontanen Bürgerwehr sollten jedoch unbegründet bleiben. Von kleineren Gewerkschaftsdemonstrationen und prügelfreudigen Polizeieinsätzen ließ sich das Festival bisher kaum aus dem Trott bringen. Es hat eine gewisse Ironie, dass der draußen übertönte Verteilungskampf umso verbissener auf der Leinwand tobte. Hans Weingartners deutsch-österreichischer Wettbewerbsbeitrag Die fetten Jahre sind vorbei brachte die Suche nach Protestformen und linken Utopien ins Festival und verpasste den Bürgern von Cannes eine filmische Ohrfeige.

Surrealistische Revolte

Weingartners Film erzählt von drei jungen Menschen in Berlin, die nicht mehr ans Demonstrieren glauben. Jan, Peter und Jule sind durchdrungen von einer unbestimmten Wut auf alles. Zu Hause, in der WG, schimpft man auf die Globalisierung, die Bonzen und die Verhältnisse. Nachts formiert man sich zu einer Art Individualguerilla, bricht in die Villen der reichen Zehlendorfer ein, arrangiert die Einrichtung zu antikapitalistischen Installationen: Möbeltürme im Wohnzimmer, Stereoanlage im Gefrierschrank, Porzellanfigürchen in der Kloschüssel. Zurück bleibt ein Zettel: "Die fetten Jahre sind vorbei".

Weingartner schaut seinen Figuren, die ihre politischen Botschaften nicht ohne Selbstironie als "die Erziehungsberechtigten" unterzeichnen, gewissermaßen beim Denken zu. Vor allem mit Daniel Brühl gelingt ihm das komplexe Porträt eines verdrucksten Idealisten, der von seinen naiven Politparolen überzeugt ist und doch auch ihre Leere spürt. Wir sehen einen spätpubertären Klassenkämpfer, der dem radical chic der Postmoderne ganz eigene Protestformen entgegensetzt. Den wütenden, vom Unrecht der Welt beschwerten Helden stellt der digital und mit minimalem Budget gedrehte Film eine ungemein leichte, schwebende Kamerasprache zur Seite.

Später, als die kleinen Revoluzzer ihre großen Ideen am lebenden Objekt erproben müssen, läuft Weingartners Politparabel gar zu ungeahnter Komik auf. Um einen weiteren nächtlichen Einbruch zu vertuschen, sieht sich das Trio gezwungen, einen wohlhabenden Geschäftsmann zu entführen. In der Einsamkeit einer abgelegenen Almhütte entspinnen sich aberwitzige Dialoge über die 68er-Vergangenheit des Opfers. Beim Spaghetti-Essen und Kartenspielen begegnet die pathetische Phrasendrescherei der jüngsten Revoluzzergeneration der desillusionierten Attitüde des Realo-Establishments. Hoffnungsfrohes Heute trifft abgeklärtes Morgen.

Es ist ein utopischer Film, doch macht er sich nicht zum Erziehungsberechtigten seiner Zuschauer. Er formuliert Fragen, die sich jeder stellt oder gestellt hat. Er durchbricht die wohlige Lethargie des Geldes mit irritierendem Frohsinn und mit einer surrealistischen Subversionskraft, die man verloren glaubte, seit Luis Buñuel bei den Chaplins zu Hause den allzu bürgerlichen Weihnachtsbaum zertrampelte.

Auf Weingartners differenzierte Parabel des politischen Handelns folgte sogleich noch ein weiteres Politstatement im Wettbewerb, gedreht von einem Regisseur, der sich sehr wohl und ganz offensiv als Erzieher und Aufklärer seines Publikums begreift: Michael Moores neuer Film Fahrenheit 9/11 walzt wie eine dozierende Planierraupe über die politischen Verfehlungen des US-Präsidenten und seiner Berater hinweg. Den Anfang macht eine grandiose minutenlange Sequenz, in der die Mitarbeiter der Bush-Administration für Fernsehauftritte geschminkt werden.