In den Trachinierinnen, einer frühen und weniger beliebten Tragödie des Sophokles, entpuppt sich der große Held und Eroberer Herakles als Schwein. Nur um seine Frau mit einer Jüngeren betrügen zu können, vernichtet er eine Stadt und ihre Bewohner. Hinter politischen und militärischen Vorwänden verbergen sich die niedersten Motive: Gekränktheit und Geilheit von monströsen Ausmaßen. Mit keinem Stück könnte man dieser Tage eine genauere Punktlandung im Hier und Jetzt vollbringen und dem stolzen westlichen Kulturkreis, dessen Kreuzzug gegen den Terror sich als Terrorfeldzug zur Erschließung neuer Pornodrehorte entlarvt hat, besser Furcht und Schrecken vor sich selbst lehren.

Sophokles’ Tragödie besteht aus einer Reihe eher steifer Verlautbarungen im öffentlichen Raum. Sie erzählt von der unglücklichen Verknüpfung des Barbarischen mit dem Edlen, von der Mühsal des Zivilisationsprozesses und seinen Rückschlägen, von der Fehlbarkeit, Sterblichkeit und sogar Schuldfähigkeit hoch verehrter Halbgötter. Dem Herakles, Befehlshaber eines Massakers aus Lust, der sich gewiss keinem internationalen Strafgerichtshof unterworfen hätte, wird durch seinen Gott Sophokles mit Hilfe eines vor langer Zeit ermordeten Kentauren ein gerechter Tod bereitet. Die Gattin operiert als Vollstreckerin, unwissentlich, weshalb sie sich das Leben nimmt. Vor dem Tod, der die Erfüllung eines Orakels bedeutet, verdonnert Herakles seinen Sohn dazu, die eroberte Geliebte zu heiraten und sichert so nach militärischen und privaten Blutbädern den Fortbestand der Vaterlinie. Schuld und Blut zum Trotz, die Sippe muss überleben – wozu die selbst nicht schuldlosen Götter weise nicken.

Martin Crimps Neufassung mit dem Titel Cruel and Tender aktualisiert das Original, und Luc Bondy inszeniert sein Stück am kleinen Londoner Young Vic im klassischen Stil des bürgerlichen Trauerspiels mit ein paar grotesken Elementen. Aus Herakles wird ein General im Krieg gegen den Terror (zur Zeit Schwarzafrika), aus seinem Herold ein Minister, der pausenlos am Handy hängt. Herakles’ Sturz ist ein inszenierter Politskandal; er stirbt nicht, er wird abgeführt und droht mit der Veröffentlichung seiner Tagebücher. Die Grundstruktur aus Botenberichten und Monologen bleibt bei allen Neuerungen erhalten, was zu einem Krieg zwischen antikem Pathos und modernen Sitzelementen führt. Er geht nicht gut für diesen Abend aus.

Luc Bondy, der Intendant der Wiener Festwochen, die als Koproduzent fungieren, ist ein Spezialist für bürgerlich zartes Begehren und eine feine Theaterwelt, die man mit spitzen Fingern beklatschen muss. Nun sieht er sich plötzlich mit roher Gewalt konfrontiert. Er verlegt sie ins Private, in ein über Eck gestelltes grünliches Apartment, in die Welt von Wer hat Angst vor Virginia Woolf. Hier wird vor allem eine Ehekrise ausagiert, von nervösen und gebildeten Wesen, denen die altgriechisch-tragödische, von den Göttern bestimmte Verantwortung für das große Ganze fremd ist. Der moderne Mensch lässt sich nicht so leicht in Sippen-Erhaltungshaft nehmen. Weder der Bühnenbildner Richard Peduzzi noch der Regisseur, noch der Autor finden Bilder für den Raum des Öffentlichen. Erst im dritten Teil lauern die Medien vor der Tür auf den in seiner Schuld gefangenen General, und man muss seinen Abgang für sie inszenieren.

So beginnt Kerry Fox als Generalsgattin Amelia den Abend in angemessener Weise im Allerprivatesten: im Bett. Intimacy hieß ihr Film, den sie mit Patrice Chereau gedreht hat. Sie ist eine Darstellerin von fleischlicher Wucht und beginnt mit ihrem ersten Satz einen großen Zornes- und Verzweiflungsgesang, der bis zu ihrem letzten Abgang nicht mehr nachlässt. Niemand kommt dagegen an. Ob sie nun hingerissen ist oder sich nicht traut, Luft zu holen – sie setzt kein einziges Mal ab und wirkt wild entschlossen, den Abend ganz allein zu schultern. Amelias Sohn James (Toby Fisher) ist ein Schnösel und Nichtsnutz; ihre Trainerin, Haushälterin und Kosmetikerin – Amme und Chor in weiblicher Dreifaltigkeit – belagern sie gutmütig und feindselig. In dieser stacheligen Welt hat ein General eigentlich nichts mehr zu melden. Und auch dass diese Frau später aus Versehen zur Mörderin ihres untreuen Gatten wird, glaubt man ihr nicht. Hier heult Medea! Diese Kraft kennt keinen Zufall. Diese Frau, die ganz zu Beginn erklärt, sie wolle kein Opfer sein, würde selbst zuschlagen. Der Selbstmord mit Autoabgasen ist kein angemessenes Ende für sie. Und die Entzauberung des vergifteten Kentaurenbluts zum chemischen Kampfstoff aus dem Labor gehört zu den platteren Einfällen des Autors.

Wir mögen Generäle heute nicht mehr so. Es fiele uns schwer, sie uns als Sohn des Zeus und als Helden vorzustellen. Halbgöttergleich wäre eher ein Medienjongleur und spin doctor wie Alistair Campbell, Tony Blairs aus dem Amt geschiedener Medienberater. Einer, der sich die Macht nimmt und lacht, wenn er sie wieder verliert, unheimlich, bedrohlich und flirrend zugleich. So einer ist bei Martin Crimp Jonathan, ein Minister der Regierung, der erst versucht, die Untaten des Generals vor Amelia zu verheimlichen, und dann eiligst General und Skandal wieder loswerden muss. Aber obwohl er mehr zu sagen hat als Sophokles’ unehrlicher Herold Lichas, erlaubt Crimp ihm in seiner Griechentreue dennoch nicht, die Heldenrolle im Stück zu übernehmen und die eigentlichen Schlachten zu schlagen.

Georgina Ackerman spielt Laela, das exotische Objekt der Begierde, und verrät ihre Rolle nicht an den Ethno-Kitsch. Sie ist die freundlichste und sachlichste Sexbombe, die man je gesehen hat. Der General tritt uns bei Bondy nackt entgegen, entblößt bis auf ein paar blutige Verbände und tropfende Schläuche. Es gibt keinen mythischen Glorienschein mehr, den wir ihm aus dem Publikum zuwerfen könnten und der die Erniedrigung wieder wettmachte. Joe Dixon spielt den General fauchend und mit vorgeschobener Unterlippe in einem ein-dimensionalen Kraftakt. Bondy stößt ihn in eine Heldenrichtung, für die wir weder Auge noch Verständnis mehr haben. Außerdem muss Dixon es mit der Stemmleistung seiner geradezu dämonisch übermächtigen Kollegin Fox aufnehmen, deren Figur sich bei seinem Auftritt leider schon umgebracht hat. So bleibt er im Kampf mit ihr allein.

Crimps und Bondys Methode der Aktualisierung wirkt allzu oft wie ein Versuch, sich vor den Herausforderungen der Sophokles-Tragödie zu drücken. Die Regie weicht sogar der hohen Sprache aus, mit der Crimp sein Stück geschmückt hat: Manches große Wort, das Kerry Fox an die Wände des Bühnenbilds richtet, putzt ihr Personal gleich wieder naturalistisch auf.