Die gelassene und fast schon liebenswerte Ausstellung, die das Deutsche Historische Museum dem Ersten Weltkrieg gewidmet hat, verrät vor allem eines: die Ferne, in die Gräuel und Hader inzwischen für uns gerückt sind. Zur heftig umstrittenen Kriegsschuldfrage heißt es lapidar, alle Großmächte hätten die Eskalation provoziert, "verantwortlich für den Kriegsausbruch war jedoch in erster Linie Deutschland".

So lässt sich das, historisch wahrscheinlich korrekt, zusammenfassen. Aber von der Sprengkraft des Kriegschuldparagrafen im Versailler Vertrag, der nicht zuletzt Hitlers Aufstieg munitionierte, verrät die diplomatische Formel nichts. Es gibt eine politische, geradezu ängstliche Scheu der Ausstellung, das Katastrophische an der Ursprungskatastrophe des 20. Jahrunderts brisant werden zu lassen. Von den unfassbaren Vernichtungsorgien legen nur noch Fotos der umgepflügten Schlachtfelder Zeugnis ab, Prothesen und Gesichtsmasken, die zu chirurgischen Lehrzwecken von den Verstümmelten angefertigt wurden, schließlich die Debatte, die in allen Ländern um die Renten der Kriegsversehrten und -waisen geführt wurde.

Mit anderen Worten: Es sind die Wirkungen und die Nebenfolgen, die den Hauptgegenstand der Ausstellung bilden. Ereignis und Erinnerung lautet ihr Untertitel. Erinnerung gibt es in der Tat, vor allem Erinnerung an die Erinnerung, eine breite Darstellung der nationalen Strategien zur Bewältigung des Traumas. Das Ereignis des Krieges ist dagegen nur mit viel Fantasie aus den wenigen Militaria zu gewinnen, Gewehren, Stahlhelmen, Munitonshülsen, die wie mühsam gerettete Ausgrabungsstücke in den Vitrinen schimmern.

Die Ausblendung der Miltärgeschichte war Absicht, und es mag gute Gründe dafür gegeben haben, wahrscheinlich vor allem die Furcht vor einer Überwältigungsästhetik. Aber die Dämpfung des Schreckens führt auch zu Verniedlichung und die Seltenheit der Waffen zu ihrer Verkostbarung. Eine seltsame Biedermeierlichkeit liegt über der Ausstellung, etwas Inniges und Andächtiges. Mehr noch: Das Bitterste, rückblickend Unerträglichste dieses Krieges entzieht sich der Anschauung, das vollständige Versagen der Militärführungen, die erst in allen Kabinetten zum Krieg geraten haben, dann aber hilf- und fassungslos vor seiner modernen Erscheinungsform standen.

Der berühmte "Stellungskrieg", in dem Geländegewinne von zehn oder zwanzig Kilometern eine halbe Million Menschenleben kosten konnten, entstand wider alle Erwartung und ohne jede Reaktionsmöglichkeit der Generäle. Wenige Monate nach seinem Ausbruch erkannte die deutsche Heeresführung, dass der Krieg nicht gewonnen werden konnte; doch schien es unmöglich, dem Volk, nachdem man ihm den schnellen Sieg aufgeredet hatte, die Wahrheit zu sagen. Fehleinschätzung und Vertuschung waren keine deutschen Privilegien. In der Ausstellung findet sich der berühmte Vers Rudyard Kiplings: "Wenn’s Fragen gibt, warum wir starben / Erzählt ihnen, weil unsere Väter gelogen haben."

Dieses knappe Zitat ist das beste und eindrücklichste Exponat der Ausstellung. Auf den Schrifttafeln, mehr noch in dem wirklich guten Katalog, ist das Entscheidende durchaus enthalten, aber in einer, von dem Dichterwort abgesehen, Undeutlichkeit und Blässe, die der rührenden Nippeswelt der Vitrinen keinen Ernst entgegensetzen kann. Von den Panzern, deren Erfindung gegen Ende des Krieges schließlich wieder Bewegung in die Fronten brachte, sind Spielzeugmodelle zu sehen – wie denn überhaupt die Kriegswirklichkeit sich am ehesten noch in dem ausgestellten Spielzeug abbildet, einschließlich übrigens eines deutschen Lazarettbaukastens.

Es sind Glanz und Elend der Kulturhistorie, die sich in der Ausstellung spiegeln. Von der politischen, der militärischen und der Sozialgeschichte wird vor allem das genommen, was sich in der Alltagswelt wiederfindet: Plakate, Gemälde, Geldscheine, Korrespondenzen, private Sammlerstücke (darunter der Stahlhelm eines erschossenen Briten, den Ernst Jünger neben dem eigenen aufbewahrte). Es ist die historische Erinnerungstechnik einer Gesellschaft, die sich vor tradierten Konflikten sicher weiß und sich darum nur wenig Sinn für das problematische Erbe anderer Nationen erhalten hat. Die heikle Entstehungsgeschichte vieler Staaten, die nach dem Krieg erst gegründet wurden, wird kaum gestreift, obwohl ihre Aufnahme in die EU Anlass der Ausstellung sein sollte. Von den Kriegen nach dem Krieg, dem polnischen Überfall auf die Ukraine, dem griechischen auf die Türkei, ist nur in diplomatischen Abbreviaturen zu lesen. Die Verstümmelung Ungarns, das zwei Drittel seines Staatsgebietes verlor (darunter die Slowakei, weite Teile Kroatiens und Rumäniens), findet sich allein in dem Propagandamaterial der ungarischen Revisionisten. Deutschland hat seinen eigenen Revisionismus glücklich überwunden, und von diesem Glück legt die Ausstellung ihr optimistisches und hoffentlich nicht allzu weltfremdes Zeugnis ab.