Man kann einen Krieg, der sich als Online-Theater der Grausamkeiten abspielt, nur verlieren. Bestenfalls endet er irgendwann in Überdruss und Widersinn. Gegen den visuellen Partisanenkampf im Internet ist kaum etwas auszurichten, dort zählt die militärische Niederlage nicht, nur das gefühlte Recht auf die nächste Gräueltat. Und weil das Internet alle Bilder gegenwärtig hält, weil sich die berechtigte Empörung ebenso aus ihm speist wie der Blutdurst, kann sich dieser Krieg lange hinziehen.

Friedenstiftende politische Vernunft blitzt immer nur kurz auf, Rachegefühle aber sind ewig. Damit kein Zweifel aufkommt: Das Pentagon hat sich selbst in diese Lage manövriert. Man kann eine moralische Legitimation des Krieges, die sich auf Menschenrechte beruft, nur einmal ruinieren. Nach den Folterungen von Gefangenen in Abu Ghraib durch Angehörige der 800. Militärpolizeibrigade, die "favorable conditions" für die anschließenden Befragungen durch den Militärgeheimdienst schaffen mussten, beginnt ein neuer Krieg - jenseits der Genfer Konvention, unmittelbar vor der Weltöffentlichkeit und unmittelbar für sie.

Die Demütigungspornografie der amerikanischen Soldaten wurde inzwischen durch das Video von der Enthauptung Nicholas Bergs "beantwortet". Die Sichtbarkeit seiner Schlachtung war einziges Motiv für den Mord an dem 26-Jährigen. Es gab andere Videos, das darf nicht vergessen werden, jenes, in dem der Italiener Fabrizio Quattrocchi erschossen, und dasjenige, in dem der Reporter Daniel Pearl geköpft wird. Aber das neue will ausdrücklich eine Spirale des Schreckens in Gang setzen, es ist kein Dokument, sondern visueller Terror.

Dem westlichen Auge ist die echte Tötung um ihrer Ausstellung willen unerträglich, ähnlich wie die sexuelle Entehrung dem muslimischen. Die Fotos aus Abu Ghraib hatten im Westen eine Tradition der Anstoßnehmens an Gewaltdarstellungen aufgerufen, nicht eine verborgene Lust an ihr, wie viele Kulturkritiker meinten. Die westliche Öffentlichkeit duldet Gewaltbilder nur, insofern sie eine "höhere" Moralität exemplifizieren. Die einhellige und weltweite Empörung klagt diese Moralität auch ein, mit entsprechenden Folgen für die Justiz und die Politik der USA.

Es ist also ein wenig seltsam, die Geschehnisse in Abu Ghraib auf eine "dunkle" Kraft der Zivilisation zurückzuführen, wo es um Straftaten geht. Dem Zivilisationskritiker geht es um die Unterstellung, es gäbe einen systemischen Zusammenhang zwischen westlicher Kultur und Gewalt, eine unkontrollierbare Zwangsläufigkeit sei am Werk. Das ist nur schlechte Mythologie. Der Westen beobachtet sich voller Argwohn, er kann sein Handeln korrigieren. Mord vor der Kamera ist auch in der islamischen Welt ein Verbrechen, aber die Mörder berufen sich auf ein Widerstandsrecht jenseits aller Zivilisationsnormen. Die autoritären Regime des Nahen Ostens dulden das stillschweigend. Keine Öffentlichkeit ächtet dort diese Bilder wirksam, es existiert keine politische Kraft, die imstande wäre, die Mörder vor Gericht zu stellen. Das ist der Unterschied.