Istanbul ist unfassbar. Zwanzig Architekturstudenten haben versucht, wenigstens ein Stück der Stadt in den Griff zu bekommen - und scheiterten.

Einen Monat lang protokollierten sie Tag und Nacht das Leben auf Istiklal Caddesi, der Unabhängigkeitsstraße im Stadtteil Beyoglu. Wie viele Hydranten, Flaggen, Fassaden, Blumentöpfe, Juweliere, Dönerbuden, Männer, Frauen gibt es in jenem Metropolenteil, der dem Volumen von 881 437 878 Cola-Dosen entspricht? Hunderte von Diagrammen, Grafiken und Tabellen haben die Feldforscher im Dienste der Kunst erstellt, doch das Projekt Statistiklal bleibt Fragment. Als Installation ohne Anfang und Ende steht es nun im Mittelpunkt von Call me Istanbul ist mein Name, der Ausstellung im Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe (bis zum 8. August). Mit ihr beweist der Hausherr Peter Weibel wieder einmal sein Gespür für den Zeitgeist, denn Istanbul, von dem man nicht einmal weiß, wie viele Einwohner es hat, ist die Stadt der Stunde. Dass hier der erste Song-Contest des neuen, großen Europa stattgefunden hat, ist ja kein Zufall. Da meldet jemand Ansprüche an - und liefert im selben Moment bereits ein Glitzerbild von dem Ort, wo in Zukunft die Musik spielt. Istanbul verstehen wollen heißt Antworten suchen auf uns umtreibende Fragen: Wo beginnt, wo endet Europa? Was sind seine Werte? Wie halten wir es mit dem Kopftuch? Wie tolerant darf, muss eine Gesellschaft sein gegenüber religiösem Fundamentalismus? Darum kreisen die Videos, Installationen, Konzepte der Ausstellung, die weniger eine Kunstschau ist als ein anschaulicher, antiglamouröser Volkshochschulkurs über die Vielfalt, Rasanz, Vita- und Brutalität, mit denen alle eurasischen Megacitys über kurz oder lang zu tun haben werden. Die Werke sind formal weder innovativ noch aufregend, die Brisanz liegt im Stoff: das Verkehrschaos, das keine noch so schön ausgedachte Metro überwinden kann. Das unkontrollierbare Wuchern der gecekondu, der illegal "über Nacht errichteten" Hütten und Häuser. Die Papiersammler, die vom Müll der Metropole leben. Die 70 verschiedenen Arten, wie man ein Kopftuch tragen kann. Das Nebeneinander von tanzenden Derwischen und DJs, stolzen Schnurrbartträgern und selbstbewussten Transsexuellen. Die Unausrottbarkeit der Klischees vom rückständigen, dicht behaarten Schrecken der westlichen Welt. Der Rassismus und die Militanz einer zum Laizismus gezwungenen Gesellschaft. Die Ausstellungsmacher behaupten mit guten Gründen, dass an Istanbul "schon immer die Zukunft abgelesen werden konnte" und die heimliche Hauptstadt Europas schon in zehn Jahren am Bosporus liegen könnte. Da ist Hinschauen Pflicht.