Am 24. Mai werden zahlreiche Mattscheiben in Deutschland schwarz bleiben. Doch nicht etwa, weil die Zuschauer freiwillig auf die Tagesschau verzichten oder von der neuen Show Anke Late Night bereits genug haben. In den Regionen Köln/Bonn, Hannover/Braunschweig und Bremen/Unterweser werden die TV-Sender ihr analoges Signal für Antennenfernsehen abschalten und auf den alten Frequenzen ein digitales verbreiten. Die Technik heißt DVB-T und ist eine Zäsur für alle, die Fernsehen nicht per Kabel oder Satellit kriegen: ARD, ZDF und das Dritte bleiben zwar noch einige Monate analog im Äther; empfangen kann man sie aber erst wieder nach erneutem Einstellen aller Programme – sie wandern auf schwächere Kanäle.

Die Berliner haben das alles bereits hinter sich. Mit einer Dach- oder einer Zimmerantenne und einem digitalen Empfangsgerät, auch Dekoder oder Set-Top-Box genannt, können sie über DVB-T inzwischen 26 Programme kostenlos schauen. Trotzdem waren viele Zuschauer sauer, weil sie zum Umstieg gezwungen wurden und nur Sozialhilfeempfänger ein kostenloses Empfangsgerät bekamen. Infolgedessen belegte eine von ARD und ZDF in Auftrag gegebene Studie, dass verärgerte Terrestriker zum Kabel wechselten.

Doch das ist vorbei, DVB-T hat sich als Erfolg entpuppt. Vor der Umstellung in Berlin gab es nur noch 150000 Antennenhaushalte. Bis heute wurden bereits mehr als 240000 Boxen verkauft, viele davon an bisherige Kabelkunden, wie Berliner Händler für Unterhaltungselektronik sagen. Offenbar sparen sich viele Berliner jetzt die Gebühr fürs Kabelfernsehen. Wer bisher monatlich 17 Euro zahlte, für den hat sich ein Dekoder für 100 Euro schon nach einem halben Jahr amortisiert.

Im Herbst startet DVB-T auch in der Region Hamburg/Lübeck/Kiel, im Ruhrgebiet und im Rhein-Main-Gebiet. Stadtregionen im Süden und Osten der Republik folgen im Jahr 2005. Auf dem flachen Land wird DVB-T zwar weiter auf sich warten lassen. Dennoch sind selbst Zuschauer in Niedersachsen betroffen: Göttinger und Osnabrücker etwa müssen vom 24. Mai an auf Wer wird Millionär? und Was guckst du?! verzichten, denn die Privatsender RTL und Sat.1 schalten ihre analoge terrestrische Verbreitung aus Kostengründen ab. Andere Regionen werden folgen. Der Empfang per Antenne gehe ohnehin stark zurück, heißt es aus den Pressestellen der Privatsender, die Zahl der Zuschauer rechtfertige den Aufwand nicht mehr. Nur die öffentlich-rechtlichen Kanäle senden weiter.

Die Kabelbetreiber sehen bereits ihre Felle davonschwimmen: Weil die DVB-T-Umstellung teilweise aus den Rundfunkgebühren finanziert wird, legten sie Beschwerde bei der EU-Kommission ein. "Das ist Wettbewerbsverzerrung, wenn ein Übertragungsweg mit massiven Subventionen gefördert wird", sagt ein Sprecher der Kabel Deutschland GmbH (KDG). Die Tatsache, dass auch das Kabelnetz mit üppigen staatlichen Subventionen aufgebaut wurde, sei "für die heutige Situation nicht mehr relevant".

Der norddeutsche Geschäftskundenvertrieb der KDG schickte gar einen Brandbrief an die Hausverwaltungen, in dem DVB-T als "nicht zukunftssicher" bezeichnet wird. So blieben die Wohnwerte von mit DVB-T versorgten Objekten "hinter denen mit zukunftsweisendem Kabelanschluss zurück". Es sei "durchaus realistisch, dass ein Teil Ihrer Bewohner eines Abends vor einem verrauschten Bild sitzen wird!", malt ein KDG-Kundenmanager den Teufel an die Wand. Eine Beispielrechnung soll gar beweisen, dass DVB-T teurer ist als das Kabel. Der Leiter des Projektbüros DVB-T Norddeutschland, Thorsten Mann-Raudies, ärgert sich über solche Attacken. Die KDG mache mit falschen Behauptungen und einer "Fantasierechnung" DVB-T schlecht.

Nur der Erfolg des digitalen Antennenfernsehens in Berlin erklärt solch eine Nervosität. Schließlich möchte der Fastmonopolist KDG seinen rund 20 Millionen Kunden bald selbst digitale TV-Pakete anbieten, die mehr Geld in die KDG-Kassen bringen. Auch die Betreiber großer Wohnungsanlagen wollen mit abkassieren: Sie erhalten Provisionen von den Kabelbetreibern und erhoffen sich durch neue Pay-TV-Angebote weitere Einnahmen. Berlin zeigt jedoch, dass viele Zuschauer mit dem DVB-T-Programmangebot zufrieden sind.