Aufmerksamkeit und Anerkennung, in unserer Gesellschaft dreht sich alles nur noch um Aufmerksamkeit und Anerkennung. Niemand knuspert mehr stillvergnügt sein Brötchen zu Hause und ist's zufrieden, dass er's hat. Heute geht jeder gleich an die Öffentlichkeit. Neulich ist sogar ein Hund mit dem Bettlaken, das er Frauchen geklaut hat, auf die Straße gelaufen, um Spektakel zu machen. Er hat das Laken, wohlgemerkt, nicht einfach hinter sich hergezogen, sondern um Kopf und Schultern geschlungen wie ein Nachtgespenst. Na, da war was los! Aber ehe wir die kreative Fantasie bewundern, sollten wir doch einen Moment nachdenken, was hier passiert ist. Der Hund wollte offenbar nicht mehr nur mit anderen Hunden konkurrieren, er wollte es mit den Kindern der Nachbarschaft aufnehmen, die jüngst zu Halloween unschuldige Anwohner erschreckt haben. Das war Gespräch der Straße, das hat er sich gemerkt. Nach diesem Muster sollen neuerdings auch die Geisteswissenschaftler, die wir sicher in ihre Studierstuben eingesperrt glaubten, mit Politikern um die Furcht der Massen buhlen. Reklame ist alles, sonst gibt's kein Geld. Die Philosophen, die den Trend vor Jahren schon erkannten, dachten dabei noch an Minderheiten und ihren Anspruch auf soziale Partizipation. Heute kommt die Bettelei um Anerkennung aus der Mitte der Gesellschaft. Niemand ist so dumm und durchschnittlich, dass er nicht in eine Talkshow strebte, um dort für seine Dummheit und Durchschnittlichkeit auch noch gelobt werden zu wollen. In der Bibel heißt es: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Das war als Trost gemeint für Zeiten des Hungers. Heute, da alle eher zu viel zu essen haben, erweist sich der Satz als düstere Drohung. Wenn der Mensch vom Brot allein lebte, sähe diese Welt entschieden freundlicher aus. Da der Mensch aber offenbar auch von Benzin, Fernsehen, Handycams und Rachegelüsten lebt, kommt es zu Irak-Kriegen, Folterbildern und diesbezüglichen Talkshows. Als nach der Wende 1989 die öffentlichen Stellungnahmen der Intellektuellen eskalierten, hat ein junger Mann, dem die Ansprachen auf dem Berliner Alexanderplatz zu viel wurden, die geflügelten Worte geprägt: "Schluss mit dem Gesabbel, geht nach Hause!" Natürlich sind die Intellektuellen nicht nach Hause gegangen. Einige sind aber später doch verstummt. Es ist ein Anlass der Freude, dass wir zu den aktuellen Meldungen aus irakischen Gefängnissen keine Kommentare von Günter Grass und Christa Wolf hören mussten. Finis