Der tunesische Staatsschutz wartete am Flughafen von Dscherba. Das Flugzeug von Mohammed ben Hedi Naouar war kaum gelandet, da klickten die Handschellen. Naouar – er wohnt in der Schweiz – hatte unglücklicherweise den falschen Vetter. Der heißt Belgacem Naouar und sitzt seit April 2002 wegen des Brandanschlags auf die La-Griba-Synagoge in Haft. Dabei waren 19 Touristen ums Leben gekommen, unter ihnen 14 Deutsche. Mohammed Naouar schaffte es noch, mit dem Handy seine Angehörigen anzurufen. Dann war er für elf Tage verschwunden. In "Geheimhaft", wie die Menschenrechtsorganisation amnesty international (ai) schreibt. Was ihm dort genau passierte, wissen die Menschenrechtler nicht.

Wie immer sie gewonnen wurden und was immer sie wert sind – die Informationen, die der tunesische Geheimdienst aus Naouar herausholte, könnten auch an deutsche Sicherheitsbehörden gelangt sein. Denn spätestens seit den Bombenanschlägen von Madrid ist klar: jene Terrorangriffe, die Islamisten heute in Tunesien, Algerien, Marokko oder Ägypten planen, können morgen Europa treffen. Der Bundesnachrichtendienst (BND) und das Bundeskriminalamt (BKA) bemühen sich deshalb zurzeit verstärkt um Wissensaustausch mit arabischen Staaten. Mit Regimen also, die bekanntermaßen nicht vor Folter zurückschrecken – und zwar gerade im Kampf gegen islamistische Gruppen.

"Folter", schrieb jüngst die Beiruter Tageszeitung al-Safir, "ist fester Bestandteil arabischer Tradition. Sie wird bis heute in arabischen Gefängnissen angewandt." – "Wir müssen einen engen Schulterschluss mit den arabischen Ländern suchen", sagte Ende April der Leiter der Abteilung Internationaler Terrorismus des BND auf einem Symposium in Berlin. Auch, fügte er hinzu, wenn deren Rechtsstaatlichkeit durchaus zu wünschen übrig lasse. Im März kommentierte der Vizepräsident für militärische Angelegenheiten des BND das enger werdende Verhältnis zwischen den Nachrichtendiensten mit der Feststellung: "Einen Partner, der die Menschenrechte nicht so hegt und pflegt wie wir, kann man nicht einfach abweisen."

Profitieren Deutschlands Sicherheitsdienste also stillschweigend von Folter in fernen Ländern? Im Einzelfall lässt sich das nicht nachweisen. Betrachtet man die Strukturen, ist es aber wahrscheinlich. Denn gerade die Extremisten, die etwas wissen, werden es kaum freiwillig zu Protokoll geben. Nur sehr vordergründig könnte man sich damit trösten, dass es immerhin nicht die eigenen Leute seien, die folterten. Aber wie wenig Moral ist erlaubt? Stützt nicht jede Nachfrage den Markt, verstärkt mithin die Motivation zu foltern? Foltergefängnisse wie das Bagdader Abu Ghraib gibt es viele zwischen Rabat und Kabul. Berliner Regierungskreise bestätigen, dass sie nach dem Brandanschlag auf der Ferieninsel Dscherba nicht nur zu den tunesischen Geheimdiensten enge Verbindungen geknüpft haben. Als deutsche Unterhändler im vergangenen Jahr über die Freilassung der entführten Sahara-Touristen verhandelten, war das auch eine Gelegenheit, den einen oder anderen algerischen Kollegen kennen zu lernen. Neben Marokko gilt Algerien als das wichtigste Rekrutierungsland für junge, militante Dschihadisten. Dementsprechend wichtig für ein terroristisches Frühwarnsystem ist das Wissen der dortigen Geheimdienste.

Was indes in deren Verhörzentren geschieht, steht den öffentlich gewordenen Misshandlungen durch US-Soldaten in nichts nach. Amnesty international berichtet, Mitarbeiter des militärischen Sicherheitsdienstes Département du reseignement et de la sécurité (DRS) hätten Gefangenen die Kleider weggenommen und sie mit Knüppeln und Plastikschläuchen geschlagen. Eine weitere Verhörmethode ist nach ai-Angaben die so genannte Chiffon(Putzlumpen)-Folter, "bei der dem Opfer ein Lappen in den Mund gestopft wird, über den anschließend mit Reinigungsmitteln versetztes Schmutzwasser geträufelt wird". Diese bekannt gewordenen Fälle von Folterungen, so der amnesty-Bericht, "machen vermutlich nur die Spitze eines Eisberges sichtbar, da viele Opfer davor zurückschrecken, Anzeige zu erstatten – weil sie befürchten, dadurch ihre Situation nur noch zu verschlimmern oder ihre Familien Repressalien auszusetzen".

Der Bundesnachrichtendienst schweigt über jedwede Details der Zusammenarbeit mit arabischen Staaten. Der Quellenschutz verbiete weitere Auskünfte, heißt es. Auch die meisten Mitglieder des Parlamentarischen Kontrollgremiums, das über die Arbeit der Geheimdienste wacht, äußern sich auf Anfrage nicht dazu, wie viele Früchte des verbotenen Baumes die Demokratie ihrer Meinung nach verträgt. "Die Frage der Zusammenarbeit des BND mit arabischen Staaten haben wir bisher nicht vertieft", berichtet einzig Hans-Joachim Hacker, der für die SPD in dem Gremium sitzt. Das Thema, sagt er, gehöre jedoch auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung. Es müsse mehr parlamentarische Durchsichtigkeit geschaffen werden, sagt Hacker und fügt gleichzeitig hinzu: "In vielen Fällen wird man sich die Methode der Informationsgewinnung nicht aussuchen können."

Das gilt auch für Informationen vom Anti-Terror-Verbündeten USA. Vor knapp zwei Jahren bestätigte der damalige BKA-Chef Ulrich Kersten der ZEIT, seine Behörde erhalte auch Aussageergebnisse aus Guantánamo. Befragt, ob dies heute noch immer der Fall sei, heißt es aus Wiesbaden, das könne man sich "nicht vorstellen". Ausschließen kann es allerdings auch niemand.